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23

Feb

2011

Artikel Amateurtheatertage Bernburg

Das Theater, unweit des Schlosses in der Bergstadt gelegen, wurde 1827 vom Herrscherhaus Anhalt-Bernburg zusammen mit dem kulturbeflissenen Bürgertum als „Herzogliches Schauspielhaus“ gebaut. 1881/82 und 1926/27 wurde es umgebaut und beherbergte bis 1988 ein eigenes Ensemble. Dieses wurde dann mit Wittenberg zusammenge- und dorthin verlegt, die Fusion 1993 gelöst, das Ensemble später ganz aufgelöst, weil anscheinend zu „blühenden Landschaften“ keine Theaterensembles gehören...

Immerhin wurde das Gebäude erhalten und von 1993 bis 1997 saniert, restauriert und erneut umgebaut. Der Zuschauerraum mit seinem handlichen Format von 344 Plätzen und die Fassade erhielten wieder das Aussehen von 1882, der Foyer- und Garderobenbereich sowie die Bühne wurden dezent und funktional heutigen Anforderungen angepaßt. Seit 1954 hört es auf den Namen Carl-Maria-von-Weber-Theater, obwohl der gebürtige Holsteiner nicht, wie Albert Lortzing und Richard Wagner, dort gewirkt hat. Aber so ist das nun einmal mit Mehrheitsbeschlüssen eines Stadtrates, der – immerhin – mit dem Namen an die Tradition des Hauses erinnern wollte.

Das Theater und das benachbarte „Metropol“, das als Werkstatt- und Probengebäude fungiert hatte, wurden der Kultur-GmbH zugeschlagen, die damit – weiter mit Martin Setz als Geschäftsführer – zur „Bernburger Theater- und Veranstaltungs-GmbH“ wurde. Dank des anspruchsvollen und abwechslungsreichen Theaterprogrammes, eines rührigen Theatervereins, der sowohl das Programm der Theater- und Veranstaltungs-GmbH mitträgt als auch selbst Theater macht, und einer hauptamtlichen Theaterpädagogin, die das offizielle Programm begleitet und bis zu zehn Schul- und Amateurtheatergruppen betreut, hat die Theaterbegeisterung in Bernburg überlebt.

Die Theaterpädagogin Ines Trumpler-Schwitkowski, ursprünglich als Sängerin am Bernburger Theater engagiert, und das Team um Martin Setz haben zusammen gleich nach der Wiedereröffnung und Übernahme des Theaters die „Bernburger Amateurtheatertage“ ins Leben gerufen. Und sie sind bis heute eine Bernburger Spezialität geblieben, obwohl solche oder ähnliche Aktivitäten auch anderen Städten guttun und gut zu Gesicht stehen würden, ganz abgesehen von dem Imagegewinn und von der Werbewirkung für das Theater. Im zweijährigen Rhythmus treffen sich verschiedenste Gruppen zum Gedankenaustausch, vielleicht auch um ihre Kräfte zu messen und neuen Mut zu tanken. Sie finden hier zusätzliche Auftrittsmöglichkeiten und das Bernburger Publikum zusätzlich ein spannendes, lebendiges Theater angebot. Für Nichtbeteiligte kostet der Eintritt zu den Vorstellungen erschwingliche 10 €uro (ermäßigt 7 und 5 €uro), und viele Bernburger haben dieses Angebot – natürlich oder leider vor allem bei den Abendvorstellungen – genutzt und am Sonntag zur Matinee-Zeit, weil den Schlußpunkt ein „Musical“-Programm setzte.

Schön, dass auch ein Angebot für Kinder nicht fehlte. Das Amateurtheater Wolfen (einem Stadtteil von Bitterfeld), das auf Märchen spezialisiert ist, spielte „Zwerg Nase“ mit großem dekorativen Aufwand und im klassischen Märchenton, eben so „wie es sich gehört“.

Was bei anderen Theatertreffen graue Theorie bleibt, dass alle Teilnehmer die ganze Zeit über dableiben und die Vorstellung der anderen besuchen, ist hier „normal“ – und das, obwohl die anreisenden Truppen die Reise- und Übernachtungskosten selbst tragen müssen. Dazu kommt eine Teilnehmergebühr. Bernburg stellt die Bühnen samt Technik, sorgt für preisgünstige Quartiere und für die Verpflegung der – in diesem Jahr immerhin 154 – Aktiven und richtet die Teilnehmerparty und den Abschlußbrunch aus. Mitmachen kann im Prinzip jede Amateurtheatergruppe. Inzwischen hat sich ein Stamm aus denen gebildet, die von Anfang an dabei sind. Dazu stoßen immer wieder andere und neue Gruppen. Auch hat nicht jede Gruppe alle zwei Jahre zum Festivaltermin etwas Vorzeigbares auf Lager (und das Geld für eine Teilnahme). So ist alles immer wieder frisch und neu, denn auch bei den Stammgästen ist die Fluktuation in den Gruppen deutlich größer als bei festgefügten (Profi-) Ensembles, nicht selten abhängig von den Stücken. So brauchte z.B. das Theater der Werktätigen aus Jüterbog (Brandenburg) für „Das Testament eines Hundes“ von Ariano Suassuna einen schwarzen Christusdarsteller. Woher nehmen, denn Schminke schied in diesem Fall aus? Der Leiter sprach auf der Straße in Jüterbog einige in Frage kommende Menschen an und traf nach mehreren vergeblichen Versuchen auf  Mary Burngu. Sie wurde in Kenia geboren und lebt seit ihrem 2. Lebensjahr mit ihren Eltern in Jüterbog, besucht dort das Gymnasium, spricht perfekt Deutsch und war für diese Rolle zu begeistern – inzwischen fürs Theaterspielen überhaupt...

Mit dem großen Personal auf der Erden und im Himmel eignet sich dieses Stück wie kaum ein anderes für das Amateurtheater: es ist volkstümlich, verteilt seine Lasten auf viele Schultern sprich: Rollen, und die sind Abbilder einfacher, „normaler“ Menschen. Das Gleiche gilt für „Campiello“ nach Goldoni von Peter Turrini, mit dem „Mona Lisa“, die von Ines Trumpler-Schwitkowski geleitete Theatergruppe des Bernburger Theatervereins, die 8. Amateurtheatertage eröffnete.

Geplant war ursprünglich eine, dem Vernehmen nach sehenswerte, Aufführung von Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ – auch das, abgesehen von der zentralen und stücktragenden Hauptrolle, mit den vielen kleinen Rollen fürs Amateurtheater geeignet und noch dazu gut in die Zeit passend  (siehe S. ). Die Theatergruppe des Bernburger Carolinums wurde aber ein Opfer oben erwähnter Veränderungen und brachte die Aufführung nicht mehr „auf die Reihe“. Daraufhin hat sich „Mona Lisa“ „geopfert“ und „Campiello“, als Freilichtaufführung konzipiert und perfekt in das wie dafür geschaffene Ambiente des Theaterhofes eingepaßt, im Theater gespielt.

Nun kämpfen schon die professionellen Abstecher- und Tourneetheater mit den doch sehr unterschiedlichen Bedingungen der verschiedenen Aufführungsorte mit immer anderen räumlichen und akustischen Gegebenheiten. Wieviel schwieriger ist das erst für Amateure, die weder das entsprechende Handwerkszeug noch die Erfahrung haben. Eine Umsetzung gar von einer Freilicht-Raum-„Bühne“ auf eine Guckkastenbühne ist ohne eine grundlegende Uminszenierung eigentlich nicht möglich. „Mona Lisa“ hat es trotzdem versucht und hat die in den Fenstern der Außenfassade spielenden Szenen auf die Ränge verlegt. Leider mußte so ein Teil des sehr zahlreichen Publikums doch erhebliche Sichtbehinderungen hinnehmen, was den runden Gesamteindruck und den verdienten Erfolg leider etwas geschmälert hat. Trotzdem bediente dieses Hineinspielen in den Zuschauerraum eine bei vielen Vorstellungen zu beobachtende Vorliebe des Amateurtheaters. Amateure scheinen weniger Berührungsängste zu haben und sich dem Publikum verbundener zu fühlen. Deshalb suchen sie den Kontakt zum Publikum. So wird die „transorchestrale Interaktion“, die Profis mit Handwerk und Schauspielkunst erreichen, hier einfach und direkt hergestellt, indem man die trennende Rampe ignoriert, ins Publikum geht oder/und – wie in „Campiello“ – es auf die Bühne holt.

Mit der „Performance“ „Mach nicht so ein Theater“ von „GeLiThea“ aus Neubrandenburg (Mecklenburg) wurde z.B. noch eine andere Besonderheit des Amateurtheaters augenfällig, nämlich dass der Weg bereits ein wichtiger Teil des Zieles ist. Die Akteure hatten in einem workshop das Entstehen von Gewalt im häuslichen Umfeld spielerisch erforscht und ihre Erfahrungen und Einsichten dann im wahrsten Sinne des Wortes „vorgestellt“. Hier haben das Theater und das Rollenspiel ihre soziale, pädagogische ja manchmal sogar therapeutische Komponente, nicht erst und schon gar nicht vor allem in seiner Aussage und Wirkung. Darüber hinaus gleicht die Authentizität solcher Selbsterfahrungen das Defizit an Rollengestaltung aus, auch wenn es keineswegs eine leichtere Aufgabe ist, sich selbst darzustellen und damit preiszugeben. Vielleicht als Selbstschutz, vor allem aber um eine Anonymisierung zu erreichen wurde hier auf Masken zurückzugriffen, wie auch in „Campiello“ wo sie an die Comedia dell’arte erinnern sollten und der Typisierung dienten. Allerdings verlangt diese Formalie eine genaue Strukturierung und eine spezielle Spielweise. Wenn nun aber die Arbeit einer „Verdichtung“ nicht geleistet wird, dann springt der Funke zum Publikum nicht über, die Botschaft kommt nicht an und die Veranstaltung bleibt für beide Seiten unbefriedigend. Deshalb sind die Gruppen gut beraten, sich auf erprobte Stücke einzulassen, die ihnen zwar eine Auseinandersetzung mit der Intention des Autors, mit den jeweiligen Rollen und mit der Form abfordert – professionelle Theaterarbeit eben –, die ihnen aber mit diesem Gerüst auch hilft. Eine eigene Bearbeitung – und um solche handelte es sich bei allen gespielten Stücken dieses Festivals –, die auf die zur Verfügung stehenden Akteure und deren spezielle Stärken abhebt, kann ja immer noch bzw. muß entwickelt werden.

Das sei anhand der zum ersten Mal teilnehmenden Theatergruppe „Durch-Schnitt“ am Hegel-Gymnasium Magdeburg erklärt, die mit „Frauenwild im Hause B.“ eine der mich überzeugendsten Arbeiten abgeliefert hat – leider als Nachmittagsvorstellung am Samstag zu einem für „normale“ Theaterbesucher nicht gerade günstigen Zeitpunkt.

Die Gruppe, die seit über 20 Jahren mit dem heute pensionierten Lehrer Ingo Hetsch als Mentor existiert und inzwischen einige an großen Häusern engagierte Profis hervorgebracht hat, war wieder einmal – Chance und Problem jeder Schultheatergruppe – geschrumpft und hatte nur noch – auch das eher typisch – weibliche Mitglieder. Gesucht wurde also ein Stück, das ausschließlich Frauenrollen hat und ein Thema, mit dem sowohl die Akteurinnen als auch ein Publikum etwas anfangen können. Die Gruppe hat sich auf „Bernarda Albas Haus“ von Federico Garcìa Lorca gestürzt, ein wunderbares aber auch ein schwieriges und bei uns eher wenig bekanntes Stück, vor genau 75 Jahren von Lorca kurz vor seiner Ermordung durch Falangisten fertiggestellt. Davon war sie nicht mehr abzubringen, nicht einmal als die Gruppe sich noch einmal umstrukturierte. So kam es, dass schließlich die Rolle der patriarchalischen Bernarda von einem männlichen Akteur übernommen wurde. Das paßte, denn Bernarda ist aufgrund ihrer Biographie und der besonderen Rolle, die  spanische (südländische) „Madre“ spielen, nicht gerade mit den Müttern unserer Kultur zugeschriebenen Merkmalen ausgezeichnet. Analog wurde mit der Besetzung der als häßlich und wenig feminin apostrophierte Schwester Martirio verfahren. Die Spieler haben, geleitet durch die stark formale Kraft der Vorlage, sich die Figuren zu eigen gemacht, in deren Problemen ihre eigenen gefunden und schließlich auch dazu passende eigene Ausdrucksformen entwickelt. So gelang es ihnen, diesen wuchtigen Text auf die Bühne und über die Rampe des Großen Hauses zu transportieren. Eine Öffnung dieses häuslichen Gefängnisses durch Auftritte aus dem Zuschauerraum oder durch direkte Ansprache des Publikums und dessen Einbeziehung wäre hier völlig falsch gewesen.

Die Gefahren, die lauern, wenn man sich zu weit vom „Geländer“ entfernt – kein für das Amateurtheater typisches Vorgehen sondern im Profi-Theater viel verbreiteter – wurden anhand des Versuchs der „Schillerlocken“ vom Friedrich-Schiller Gymnasiums aus der Nachbarstadt Calbe deutlich, sich dem berühmten Stück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert heutig zu nähern. Die Konzentration auf den Text macht eine intensive Arbeit am Text nötig und steigert die Bedeutung jedes trotzdem verwendeten Requisits – noch dazu, wenn es den Text leitmotivisch durchzieht wie die Gasmaskenbrille. Wird sie durch eine zwar häßliche aber x-beliebige heutige Brille ersetzt und – konsequenterweise – im Text die Aufforderung, zum Krieg NEIN zu sagen, gestrichen, fehlt dem Stück die agitierende Komponente gegen konkrete Ideologien und es wird anonym-unverbindlich – und dadurch fast noch alptraumhafter. Wichtig war die Aufführung trotz allem, wie das große Interesse bewies, weil durch sie inhaltliche und formale Fragen aufgeworfen wurden.   

Bekannte Stücke, beliebte Formate und die „richtige“ Bühne mit all ihren technischen Möglichkeiten und Versuchungen bergen die Gefahr des Vergleiches. Das bekamen „Die Spielverderber“ aus Nienburg an der Weser (Niedersachsen) bei „Ein Kessel Buntes“ zu spüren. Diese sich an gängige Fernsehformate anlehnende selbst entwickelte Folge von ernsten, kabarettistischen, parodistischen und musikalischen Szenen zu Themen verschiedenster Bereiche fehlte dann halt doch der Glamour, der Teil solcher Shows ist und letztlich deren Erfolg bedingt.

Das kann man bei der Musical-Show „Curtain up“ vom F.O.T. aus Köthen wahrlich nicht behaupten. Dank der überbordenden Ausstattungs-„Schlacht“ wurde daraus ein Schluß- und Höhepunkt. All die Musicals, aus denen Highlights vorgeführt wurden, funktionieren nicht mehr nach dem klassischen Prinzip der Musical-Comedy, dass die Rollenfigur, wenn sie keine Worte mehr findet, zu singen anfängt, sondern sind auf Wirkung hin konzipiert. Seine Wirkung hat dieses Potpourri aus „Titanic“, „Robin Hood“, „Schuh des Manitu“ „We will rock you“ und Hairspray“ nicht verfehlt. Man konnte genießen und einfach konsumieren und wurde gut unterhalten.

Als Gerüst und Halt fungiert hier weniger die Musik als die Ausstattung und die Technik. An Rollengestaltung ist nicht oder höchstens bedingt gedacht. Der Musical-Darsteller muß funktionieren. Die Pfunde, mit denen das Theater im allgemeinen und das Amateurtheater im besonderen wuchern kann, die mitreißende Begeisterung und die lebendige und individuelle Ausformung von Rollen und Charakteren zählt hier nicht. Das gut gemeinte stört nur und schadet dem Ganzen, das bekanntlich immer nur so gut ist, wie das schwächste Glied. Und die „Kette“ ist bei einem Musical unendlich lange. Da gehören die vielen „Wasserträger“ und „Steigbügelhalter“ des Bewegungschores dazu und der Riesenapparat der Technik. Die Technik, die uns helfen sollte und helfen muß – bei einigen der Vorstellungen im Studio hätte es dem Fluß und damit der Qualität des Spiels geholfen, wenn notwendige Umbauten oder Szenenwechsel „wie von selbst“ erledigt worden wären – wird plötzlich zum Klotz am Bein, ja oft genug zum Stolperstein. Der Vergleich mit professionellen oder gar kommerziellen bleibt nicht aus, egal ob das nun in der Moderation noch betont oder vornehm unter den Tisch gekehrt wird. Nicht einmal mehr auf die Besonderheit und die Qualität des Live-Erlebnisses kann man sich herausreden, denn das Publikum mißtraut uns inzwischen. Sobald der Zuschauer ein Microport sieht und der Sound aus den Boxen kommt, erwartet er (unbewußt) einerseits Studioqualität und eine Perfektion, wie sie bestenfalls der Film bieten kann, andererseits dass die technischen Möglichkeiten auch voll ausgeschöpft werden. Der Unterschied zwischen dem wirklichen Akteur und dem, der nur „so tut als ob“ (obwohl das ja die gemeinsame Verabredung für Theater ist) und sich per Vollplayback mit fremden Federn schmückt, ist nicht wirklich zu erkennen. (Auch ich habe einmal in einem Stadttheater erst bemerkt, dass die Musik live gespielt worden ist, als die Band beim Applaus auf die Bühne kam...) So bitter das für den begabten und vielleicht dazu noch gut ausgebildeten Musical-Darsteller ist, so gut ist das für alle anderen. Z.B. konnte eine junge Darstellerin in verschiedensten Rollen in dieser Musical-Revue, die weder gesangliche noch tänzerische Vorkenntnisse oder Ausbildung mitgebracht hat, einfach weil sie dank ihrer Körperbeherrschung unheimlich präzise und präsent war, glänzen und überzeugen.

Schon immer, und da macht das Musical genauso wenig eine Ausnahme wie das Profi- oder das Amateurtheater, spielten Persönlichkeit, Begabung und Ausstrahlung, Vor- und Ausbildung eine Rolle, wie der einzelne mit der Aufgabe zurechtkommt und sogar seine Tagesform. Nicht jeder große Schauspieler hat eine Schauspielschule von innen gesehen – und nicht jeder Absolvent einer noch so renommierten Schauspielschule ist immer ein großer Schauspieler geworden. Der entscheidende Unterschied zwischen dem professionellen und dem Amateurtheater ist, dass dem ausgebildeten Schauspieler ein Handwerkszeug zur Verfügung steht, das ihm die Erarbeitung einer Rolle in einem überschaubar kurzen Zeitrahmen ermöglicht und die gleichbleibende Qualität bei beliebig vielen Vorstellungen – was oft genug mit dem Verlust an Unmittelbarkeit bezahlt werden muß. Auch wenn der Amateur dem Profi da manchmal überlegen ist, muß er einsehen und erkennen, dass seine Qualität in der Ausnahmesituation liegt, die ihn über sich selbst hinauswachsen läßt und zu Höchstleistungen bringt. War deshalb die Musical-Show so überzeugend, weil sie eine wirkliche Premiere war?      

Dass solche Fragen gestellt wurden und man sich selbst in Frage gestellt hat, dass anhand der unvermeidlichen Pannen und Unzulänglichkeiten aber auch der Erfolge darüber reflektiert wurde, was Amateurtheater leisten kann und wo seine Grenzen sind, dass überhaupt über Theater gesprochen wurde, das war das Verdienst dieses Theatertreffens. Das als Dank und Bitte an die zahlreichen Sponsoren, die Träger dieses und ähnlicher Festivals, an die Organisatoren und Mitwirkenden hinter, auf und vor der Bühne. Bleiben Sie der Idee treu und sorgen Sie dafür, dass das Beispiel Schule macht und sich Menschen aus allen Altersgruppen mit Theater beschäftigen – und es zu genießen lernen.

Gelohnt hat es sich aber nicht nur für die Mitwirkenden, sondern auch für das Publikum, das ein vielfältiges Programm mit anspruchsvollen, mehr oder minder beeindruckenden Aufführungen, gespielt mit einer überspringenden Begeisterung, erleben konnte. Selten habe ich so vielfältige und so ernsthafte Auseinandersetzungen mit Autoren, Texten und Themen erlebt und selten ein so großes, waches und auch junges (!) Publikum.

Damit die Bäume aber nicht in den Himmel wachsen und um gleich allen Begehrlichkeiten à la Bundesverband der Freien Theater vorzubeugen (siehe S.): Bei allem Respekt vor dem Engagement und der Leistung der Akteure und bei aller Qualität und Vielfalt des Dargebotenen und auch durchaus die Keimzellenfunktion für das Profitheater anerkennend: das Amateurtheater kann, darf und soll nur ein – ebenfalls unverzichtbarer – Teil einer lebendigen Theaterlandschaft sein. Es ist keine Alternative und schon gar kein Ersatz für professionelles Theater.

 

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