So

23

Okt

2011

Jugendliche zeigen Stadt-Raum, wie sie ihn sich wünschen

Es ist ein kühler Oktobermorgen in Bernburg. In der Schlosskirche herrscht reger Betrieb. Petra, Cathleen, Florian, der Kantor der Kirche Sebastian Saß, Max und das Stadtraumteam der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung laden Kartons aus, stellen Tische auf, bauen auf den Emporen Buffets auf, bekleben Türen mit Hinweisen darauf, was heute hier passieren wird: Jugendliche aus ganz Sachsen-Anhalt zeigen in einer Stunde, wie sie einen für sie attraktiven Stadt-Raum im Rahmen des DKJS-Projektes „Jugendliche gestalten Stadt-Raum“ erdacht, geplant und entworfen als auch in Teilen schon gebaut haben.

Die Jugendlichen warten gespannt auf die Ankunft ihrer Stadtmöbel. Der Hausmeister der Evangelischen Sekundarschule Haldensleben lädt gemeinsam mit Paul, Lina und Michel das mobile Klassenzimmer ab. Die Jugendlichen zeigen uns, wie sie das Klassenzimmer bemalt haben. Paul sagt stolz: „Das haben wir zu fünft in drei Tagen gebaut.“. Nun wird es zum Altarraum gerollt. Paul wird die Funktionsweise des Klassenzimmers später einem begeisterten Publikum vorführen.

 

Mittlerweile ist die mobile Beachbar ebenfalls vor Ort angekommen: die Stadtwerke aus Wolfen, eines der vielen unterstützenden Unternehmen bzw. Organisationen des Spielraumprojektes vor Ort, haben das für die Jugendlichen kostenlos und gern gemacht. Die Wolfener Jugendlichen, allen voran Frances, Annika, Lisa, Lukas und Patrick, entladen fröhlich und begeistert ihre Bar – unter neugierigen Blicken der Hallenser und Pareyer Altersgenossen.

 

Das Miteinander verschiedener Organisationen und Institutionen zeigt sich bereits hier in der Aufbauphase: neben dem Bernburger Altar stehen ein mobiles Klassenzimmer aus Haldensleben und die Beachbar für den selbst geplanten und entworfenen Spielraum aus Wolfen. Die Pareyer haben ihr Bushaltestellenmodell neben der Anmeldung aufgebaut. Wer mag, kann auf den Emporen etwas über die Programme und Themen der Deutsche Kinder- und Jugendstiftung zu Tee, Kaffee, Apfelschorle, Obst, Kuchen oder Gebäck lesen. Die Kirche füllt sich zusehends und die Vertreter der Kirchengemeinde freuen sich. Veranstaltungen dieser Art sind auch für sie ein Highlight und lebendiges Gemeinschaftsleben. Die Partnerschaft mit dem Campus sei noch jung, aber genau jetzt und hier sei sie sehr präsent und gewinnbringend für beide Seiten.

 

Pfarrer Beutel freut sich und hilft uns, einen guten Platz für das Hallenser Skatemobil zu finden. Der LKW-Fahrer findet seinen heutigen Auftrag trotz kleiner Widrigkeiten beim Aufladen klasse: er hilft beim Abladen und sagt, es hat ihm Spaß gemacht. Er wird das Skatemobil in 3 Stunden wieder aufladen und zurück nach Halle bringen. Die Jugendlichen aus Halle, insbesondere Max, Sebastian, Sonia und Adrian laden stolz ihre riesiges Skatemobil ab: staunend werden sie von umstehenden jungen und erwachsenen Veranstaltungsteilnehmerinnen und -teilnehmern beäugt. Die Jugendlichen haben ihre Boards und BMX-Räder mitgebracht, um zu zeigen, dass Rollen ein wichtiger Aspekt für ihren Wunsch-Stadtraum ist. Später werden Jugendliche aus Parey, Bernburg, Haldensleben und Wolfen die Bikes und Boards der Hallenser auf dem Skatemobil mit viel Freude testen.

 

Während das Skatemobil langsam aufgebaut wird, wird in der Bernburger Schlosskirche die Veranstaltung durch Schülerinnen und Schüler des Campus Technicus eröffnet. Vorn stehen jede Menge Cajons: nach und nach setzt eine weitere Trommel ein. Es ist eine bewegende Atmosphäre: je mehr Jugendliche dazu kommen, um miteinander zu trommeln, umso raumerfüllender der Klang.

 

„Ich bau ’ne Stadt für dich… und für mich“ heißt es in einem Lied von Cassandra Steen, dass Vanessa und ihre Mitschülerin vom Campus Technicus Bernburg nach einem Cajon-Trommelgewitter in der Bernburger Schlosskirche singen. Nun zeigen Schülerinnen und Schüler aus fünf Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt wie sie das mit Hilfe von Expertinnen und Experten aus den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Medienpädagogik und Spielzeugdesign sowie durch kommunale Unternehmen, Organisationen und Stadtverwaltung umgesetzt haben.

 

Die Bernburger Kinderstadtführer stellen den interaktiven, mobilen Stadtplan vor: mobile City Bernburg ist Stadtgeschichte zum Mitnehmen und Mitmachen. Der mobile Cityguide kann als Spiel oder Stadtführung angelegt werden und Vanessa, Patrick und viele andere haben hier ihre Bilder, ihre Sicht auf die Stadt, ihre Orte markiert und beschrieben. Da sind nicht nur die Herzogin und der Hofnarr begeistert, sondern auch der Hofmaler: das ist lebendige und eigene Stadtgeschichte.

 

 

Los geht es mit einer Gesprächsrunde. An ihr beteiligen sich von jedem Projektstandort ein Jugendlicher und ein pädagogischer Projektbegleiter, dazu die Regionalstellenleiterin der DKJS für Sachsen-Anhalt Sylvia Ruge und das Stadtraumteam. Hier erfahren alle noch einmal etwas zum Projekthintergrund, zu den Zielen des Programmes Wege finden, zur Kooperation mit der Nixdorf-Stiftung und den Zielen der BNE-Dekade Bildung für Nachhaltigkeit. Die Hallenser Schülerin Sonia sagt, sie würde selbst nicht skaten, es macht aber Spaß, dabei und Teil des Ganzen zu sein. Phillip aus Bernburg freut sich, dass er bei der Gestaltung des Schulhofes mitreden kann. Laura aus Parey erzählt, wie sie gelernt hat, welcher Arbeitsaufwand hinter der Produktion eines Imagefilmes steht. Aber es hat Spaß gemacht und sie hofft, dass dieser Film dafür sorgen wird, genügend Unterstützerinnen und Unterstützer vor Ort zu finden. Aileen Gruß, die Schulsozialarbeiterin, betont, wie engagiert und motiviert die Jugendlichen im Projekt bei der Sache sind. Viele Schülerinnen und Schüler können sich hier von einer starken Seite zeigen und Anerkennung erfahren. Patrick aus Wolfen fand die Arbeit mit einem richtigen Architekten toll. Er hat gelernt, wie aufwendig ein Entwurf für einen Spielraum ist. Paul aus Haldensleben findet Unterricht in Klassenräumen langweilig. Er freut sich, dass die Jugendlichen in Haldensleben fortan mit ihrem mobilen Klassenzimmer Unterricht auch im Grünen oder einfach an eigenen Orten machen können, wie etwa in der örtlichen Schwimmhalle.

 

Paul, Lina und Michel zeigen, wie praktisch ihr rollendes Klassenzimmer ist: es bietet Stauraum für 22 Sitzkissen (Klassensatz), Getränke und Schulmaterialien und ist mit zwei Tafelseiten und Kreidekästen ausgestattet. Herr Koppenhöfer, Stadtjugendpfleger aus Haldensleben und in Vertretung des Bürgermeisters da, findet das gut. Die erste Unterrichtsstunde hält dann Angret Zahradnik, die Schulleiterin des Campus Technicus. Sie fragt Pfarrer Beutel, Sylvia Ruge, Architekturstudierende Jasmina Lips und Schülerinnen und Schüler aus anderen Standorten, wo sie gern Unterricht gehabt hätten in der 7. Klasse und was sie gern mobil gelernt hätten: Sport in der Schwimmhalle, Biologie im Wald, Geografie im Stadtraum, Deutsch im Theater sind nur einige Ideen, die genannt werden. Christian Wenzel vom Kinderkunstforum Halle hat nicht nur als Spielmitteldesigner Bauideen bei den Jugendlichen hervorgelockt, sondern den Schülerinnen und Schülern aus Haldensleben, Wolfen und Halle gezeigt, wie schnell Outdoormöbel gebaut werden können.

 

Was die Hallenser Jugendlichen geplant, gesägt, gebohrt und verschraubt haben, zeigen sie gemäß ihres Stadraummottos „Rollen“. Max aus Halle, Skateexperte in der Planung des Skatemobils, startet mit einer Fingerboardshow, die kurzfristig nach draußen verlegt wird. Auch wenn er betont, dass er lieber richtig skatet, sind alle angetan und wollen natürlich auch mitmachen. Die Kids zücken ihre zur Anmeldung erhaltenen Fingerboards und sind kaum noch wegzukriegen von den kleinen Rampen.

 

Danach geht es vom Kleinen ins Große. Max schnallt sich den Helm auf, Adrian greift zum BMX-Rad.

 

Die Hallenser Schülerinnen und Schüler haben Outdoormöbel für städtische Brachflächen entworfen und ein Skatemobil bereits fertig gebaut. Das hat Max mit seinem Skateboard und faszinierenden Sprüngen an der Schlosskirche in Bernburg präsentiert. Währenddessen bekam unser Fotograf Slawo Cap jede Menge Konkurrenz durch die Handykameras der Jugendlichen. Diesen Moment wollten scheinbar alle festhalten. Max hat die umstehenden Jugendlichen regelrecht angesteckt: nun wurde hier geskatet, geradelt, gerannt, geklettert und im Grünen gesessen. Dass es Spaß gemacht hat, war deutlich zu sehen und zu hören. Hendrik Lauterbach – Erzieher der Saaleschule für (H)alle – hat den Stadtrollgang noch kurz vorgestellt und etwas zum Entstehungsprozess gesagt. Die Jugendlichen haben sogar zwei Projektwochen machen wollen. Zunächst testeten sie in einem Stadtrollgang die Skate- und Rollbarkeit ihrer Stadt und „klauten der Stadt die Ideen“ für die genaue Gestalt ihres Skatemobils.

 

Das hat Max gemeinsam mit anderen entworfen. Nachdem der Hof der erste Teststandort sein sollte, wurde dieser umgestaltet: beräumt und mit viel Farbe versehen. Hierbei hat Josefine Cyranka vom Kinderkunstforum, die die DKJS zur Unterstützung ins Boot holte, sehr geholfen. Die Jugendlichen entwarfen sich mit Hilfe von Kappapplatten in den Raum – auf den Hof, in die Stadt und ins All. Sie fragten sich, was macht Raum für mich wichtig? Heraus kam: Ich brauche Raum zum Skaten, zum Rennen, Raum für Geselligkeit, Raum zum Schwatzen, zum Sitzen, zum Nachdenken und Träumen. In der zweiten Projektwoche wurde dann gebaut. In der AG „Technik und kunstvolles Gestalten“ soll weitergebaut werden. Das Stadtplanungsamt in Halle ist begeistert und wird sich das Projekt der Jugendlichen in Kürze an der Schule ansehen. Es sind bereits städtische Brachflächen für weitere Outdoormöbel vorgeschlagen und bald ziehen die Jugendlichen in den Hallenser Stadtraum.

 

Pareyer Jugendliche präsentieren ihren eigens hergestellten Imagefilm. Sie zeigen das Modell ihrer Bushaltestelle, im Hintergrund werden über die Leinwand Eindrücke aus der Planungsphase, vom Vorgespräch bei der Bürgermeisterin und beim Bauordnungsamt gezeigt. Präsentiert werden ein abnahmereifer Entwurf und lokale Unterstützer – u.a. die örtliche Bürgermeisterin. Danach gibt es auch hier eine Mitmachaktion zum Projekt: einen Echtzeitarchitekturwettbewerb zum Thema Transitraum mit Teams aus allen Standorten. Dabei sind Jugendliche, Pädagoginnen und Pädagogen als auch kommunale Vertreter.

 

Die zehnköpfige Kinderjury beschriftet ihre T-Shirts mit Textilmarkern und die Teams finden sich zusammen. Nach dem Startschuss des Moderators hat jedes Team exakt 30 Minuten Zeit, einen begeisterungsfähigen Transitraum zu bauen: eine tolle Treppe, eine Bushaltestelle, einen Flugplatz, einen Bahnhof oder eben ganz etwas anderes. Die Teams legen los und alle anderen schauen zu und feuern an.

 

Herausgekommen sind Transiträume miniature aus Legosteinen, Styropor, Bleistiften, Draht und vielem anderen mehr. Die Umstehenden stauen und die Kinderjury hat es schwer, ein Urteil zu fällen. Am Ende gewinnen die Sitzboote des Teams Parey-Haldensleben. So bekommen alle ihren Schokopokal und Laura aus Parey präsentiert stolz den Siegerpokal.

 

Patrick, Lisa, Lukas und Annika als auch andere Wolfener Jugendliche präsentieren das Wolfener Spielraumprojekt zum Verkosten: gezeigt wird eine mobile Beachbar, die zur lokalen Präsentation des Entwurfes auf dem Gelände des Wohngebietsspielplatzes aufgebaut werden soll. Etwa 40 Jugendliche sind an der Planung und am Entwurf als auch am Bau beteiligt. Die Lehrerin des Wahlpflichtkurses Planen, Bauen, Gestalten, Petra Reinecke, berichtet von der Einbindung in den Unterricht. Entstanden ist nicht nur der Entwurf eines Spielplatzes, sondern einer ganzen Innenhoflandschaft. Lisa, Annika (Pressesprecherin im Projekt), Lukas (Koordination Wirtschaft) und andere haben nicht nicht nur das örtliche Quartiersmanagement, sondern auch das Mehrgenerationenhaus, eine Wohnungsgenossenschaft und die Wohnungsgesellschaft, einen Stadtrat und die Stadtwerke ins Boot geholt.

 

Das Projekt soll in Zukunft vor Ort präsentiert werden, einen Artikel im Amtsblatt gab es auch schon. Die Wolfener beginnen zu shaken und bitten alle, die Lust auf ein Mitmachshaken haben, nach vorn. Eine große Traube Jugendlicher baut sich vor der Beachbar auf. Shaker werden verteilt, Cocktailkarten mit einer Projektbeschreibung und alkoholfreien Cocktailrezepten für Cocktails, die die Namen der den Spielraum umgebenden Straßen tragen: Cocktail Auenstraße, Cocktail Am Birkenhain und Cocktail Grünstraße. Es werden Säfte gemixt, Orangen gepresst und Limetten ausgedrückt. Nicht nur in der Schule, auch in der Stadt Wolfen wird das Projekt gut wahrgenommen und vielfältig unterstützt. Im Mehrgenerationenhaus durften die Jugendlichen die Computer für die Entwicklung ihrer 3D-Modelle nutzen, der BiWo-Regio unterstützt bei der Ansprache lokaler Unternehmen, der Architekt Wolfgang Würth hat das Projekt in der Entwurfsplanung unterstützt, um nur einige zu nennen.

 

Nach einer kurzen Umbaupause startet das zweite Projekt aus Bernburg. Jugendliche haben gemeinsam mit der FH Anhalt einen Schulhof entworfen. Im Stadtraumprojekt hat Jasmina Lips die jungen Stdatraumgestalterinnen und Stadtraumgestalter dabei unterstützt, ein architektenuntypisches, sehr farbenfrohes Modell ihres Wunschschulhofes zu bauen: mit Dschungel, Hängesesseln, Skatebrücke, Kunstbäumen mit Kunstschmetterlingen, Steckhäusern, Spielfeldern, verschiebbaren Sitzelementen und viel Farbe für Treppen und Fassaden.

 

Die Jugendlichen haben das Modell bereits in einige lokale Unternehmen getragen, begeistern konnten sie bisher u.a. Solvay, Serum-Werke, die Salzlandsparkasse und die Volksbank. Diese hat die Präsentation dann auch mit einer Scheckübergabe in Höhe von 750,00 Euro gekrönt.

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