Die Geschichte der Eisenbahnen im Raum Bernburg

Im Jahre 1845 kam es im damaligen Herzogtum Anhalt zu ersten ernsthaften Plänen über den Bau einer Eisenbahn von Köthen nach Bernburg. Köthen hatte bereits seit dem 19. Juni 1840 eine Eisenbahnverbindung nach Magdeburg, und diese Strecke war dann bis Halle schon ab dem 23. Juli 1840 durchgehend befahrbar. Die Berlin - Anhaltische - Eisenbahngesellschaft hatte in dieser Zeit mit dem Bau einer durchgehenden Eisenbahnverbindung von Berlin nach Köthen begonnen, auf anhaltischer Seite war das erste Teilstück zwischen Dessau und Köthen am 1. September 1840 in Betrieb genommen worden. Auf Initiative des Herzogs von Anhalt-Cöthen und des Herzogs von Anhalt-Bernburg kam es 1845 zur Gründung der „Anhalt - Cöthen - Bernburger - Eisenbahn“ Gesellschaft. Am 13. Oktober 1845 wurde von der Herzoglichen Landesregierung die Genehmigung für den Bau einer Eisenbahn von Cöthen nach Bernburg erteilt.

Die Trassierung der Eisenbahnstrecke war relativ problemlos. In Köthen wurde der Bahnhof für diese Gesellschaft an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße/Ecke Bahnhofsvorplatz errichtet. Einziger Bahnhof auf der Strecke war Biendorf. In Bernburg verlief die Trasse von Roschwitz kommend in einen leichten Bogen am heutigen Jugendheim in der Gröbziger Straße vorbei bis zum heutigen Makarenkohaus. Teile dieses Hauses gehörten damals zum ersten Bernburger Bahnhof. Der neue Bahnhof entstand erst ab 1864. Mit der gleichzeitigen Erweiterung der Strecke von Bernburg über Güsten - Aschersleben nach Halberstadt konnte der neue Bahnhof zusammen mit der nun durchgehenden Eisenbahnverbindung am 10. Oktober 1865 für den Personenverkehr in Betrieb gehen. Der Güterverkehr wurde erst 6 Monate später am neuen Güterschuppen aufgenommen.

 

In den ersten Jahren war das Güteraufkommen in Bernburg noch recht bescheiden. Viele kleine und mittlere Betriebe waren bereits vorhanden, und für das Verladen auf die Eisenbahn genügten der Güterschuppen und die Lade-straße. Erst mit dem Entstehen des Solvaywerkes ab 1880 entstanden östlich des Bahnhofs die ersten Anschlussgleise. Hier gab es schon einen Unterschied hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse. Während das Gleis zum Solvaywerk ein Werkbahngleis war, gehörten die Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Anschlussgleise über die Hegestraße der Stadtgemeinde Bernburg, ebenso das Gleis in südlicher Richtung über die Straße nach Roschwitz und der dort 1911 gebaute Übergabebahnhof für das Kaliwerk, für die Firma Siedersleben & Co und für die Firma Schütze. Östlich des Bahnhofs gab es eine ganze Reihe von Bahnkunden bzw. Direktanschließern.

Von diesen städtischen Gleisen hinter der Hegestraße gab es dann weitere Anschlussgleise zu den einzelnen Firmen und Betrieben wie z.B. der Zuckerfabrik Dröbel, dem städtischen Gaswerk an der Köthener Straße, über der Köthener Straße die Firma Kessler & Sohn sowie Firma Rudloff & Marts In die seit nach 1880 fällt auch die Errichtung des Bahnbetriebswerkes Bernburg. Dieses Bw verlor erst 1967 seine Eigenständigkeit, wurde Einsatzstelle des neuen Groß-Bw Güsten und erst 1991 aufgelöst. Der Bahnhof Bernburg entwickelte sich in den ersten Jahre zu einem beachtlichen Güterumschlagsplatz und Rangierbahnhof; auch im Personenverkehr gab es nach der Inbetriebnahme der Strecke nach Könnern 1889 und nach Calbe/Saale 1890 einen deutlichen Zuwachs. Über Jahrzehnte hinweg hat der Bahnhof Bernburg nichts von seiner regionalen Bedeutung verloren. Selbst heute noch ist, gemessen an der allgemeinen rückläufigen Entwicklung seit 1990, das Verkehrsaufkommen besonders im Güterverkehr beträchtlich. Die Bedeutung der Eisenbahn in Bernburg wurde aber nicht nur allein durch die hier ansässige Industrie bestimmt. Auch die im Umland entstandenen Nebenbahnstrecken haben ihre Entstehung den angesiedelten Industriebetrieben zu verdanken. Es waren besonders nach dem ersten Weltkrieg beachtliche Leistungen, die auf dem Bernburger Bahnhof bewältigt werden mussten.

 

Die Nebenbahnstrecke nach Calbe/S.-West über Nienburg hat heute nur noch regionale Bedeutung. Lediglich auf dem Abschnitt bis zum Abzweig Zementwerk rollen noch Ganzzüge. Auch die Strecke nach Könnern hat schon bessere Zeiten erlebt. Heute wird nur noch das Flanschenwerk Bebitz im Streckenrangierbetrieb von Könnern aus bedient, und die 1993 in Betrieb gegangene Zuckerfabrik Könnern wird mit Ganzzügen angefahren. Die in den zurückliegenden Jahren stillgelegten Strecken Bebitz-Alsleben und BiendorfGerlebogk mit späterer Vereinigung Gerlebogk-Nauendorf sind heute kaum noch in der Natur erkennbar. Auch die Strecke von Strenzfeld nach den Junkerswerken ist für viele schon in Vergessenheit geraten.

 

Lang ist auch die Liste der Industriegleisanschlüsse. Betrachten wir nur einmal den Bahnhof Baalberge. In östlicher Richtung verlief aus dem Bereich der Ladestraße das Anschlussgleis zur Ziegelei. Nordwestlich vom Bahnhof befand sich das Kaliwerk Solvayhall (nach 1945 Friedenshall) mit seinen umfangreichen Gleisanlagen. 1961 wurde von hier ein Gleis zum Kaliwerk Bernburg-Gröna verlegt. In südwestlicher Richtung gab es noch eine Verladestelle für Kies, die Reste dieser Anlage sind heute noch erkennbar. Westlich des Streckengleises nach Könnern führte das Anschlussgleis zur Grube Plömnitz, welches die Bahnstrecke nach etwa 1 km unterquerte. Neben diesem Gleis führte aus dem Bahnhof Baalberge noch ein weiteres Gleis zum Schacht Peißen an der Straße Peißen - KleinWirschleben. Vor dem Schacht Peißen gab es einen weiteren Abzweig zum SchachtSolvayhall II am sauren Anger. All diese Trassierungen sind heute noch sehr gut im Landschaftsbild zu erkennen.

 

Schließlich gab es noch unmittelbar am südlichen Bahnhofsausgang einen Gleisanschluß zur chemischen Fabrik Dr. Brand. Dieses Gleis führte aus dem Bahnhof zwischen den Streckengleisen nach Köthen und dem Streckengleis nach Könnern. Die Fabrik besaß eine eigene Lok, denn der Lokschuppen auf dem ehemaligen Betriebsgelände ist auch heute noch als solcher erkennbar. In Biendorf gab es zur Zuckerfabrik, welche aber bereits im Jahre 1935 durch ein Großfeuer vernichtet wurde, einen Gleisanschluß, im Bahnhofsbereich selbst noch neben dem Güterschuppen eine recht langgestreckte Ladestraße. In Ilberstedt hatte die Zuckerfabrik ebenfalls ein Anschlussgleis. Das Fabrik-gelände war nach dem Zweiten Weltkrieg Spiritusfabrik und wurde Ende der fünfziger Jahre der VEB Galvano. Zu dieser Zeit wurden die Gleisanlagen wieder abgerissen. Erwähnenswert ist noch das in den sechziger Jahren geplante Mischsalzwerk in der Nähe von Aderstedt. Für dieses Werk sind ab 1964 im westlichen Teil des Bahnhofes Ilberstedt ein Übergabebahnhof mit drei Gleisen und ein Gleis bis etwa 500 m vor dem neuen Werkgelände verlegt worden. Auf diesen Gleisen ist nie ein Zug gefahren! 1967 erfolgte der Rückbau der Gleisanlagen.

 

Auch an der Strecke nach Nienburg sind zwei Anschlussstrecken interessant. Da ist einmal die Strecke zu den Junkerswerken zu erwähnen, welche 1934 gebaut wurde und vor dem heutigen Haltepunkt Strenzfeld abzweigte. Am ehemaligen Haltepunkt Fliegerhorst war der Übergabebahnhof. Etwa 1938 wurden im nördlichen Teil des Geländes die Fabrikationsstätten der Junkerswerke errichtet. Dazu gehörten auch umfangreiche Gleisanlagen, so z.B. auch der Haltepunkt Junkerswerke und ein Lokschuppen. 1960 begann der Aufbau des neuen Zementwerkes in Bernburg. Dazu wurden neben dem Streckenabzweig ein Übergabebahnhof sowie umfangreiche Gleis-anlagen im Werksgelände errichtet. Die Solvaywerke haben von Beginn an ihren Schienenanschluss im Bahnhofsgelände gehabt. Von Interesse dürfte aber hier die 1958 errichtete schmalspurige elektrisch betriebene Werkbahn sein, welche noch heute den Kalkstein aus dem Tagebau in das Werksgelände transportiert.

 

Eine Kurzfassung über 160 Jahre Eisenbahngeschichte in unserer Heimat

Niedergeschrieben von Rainer Dill, Bernburg

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Kommentare: 1
  • #1

    Erik Wegner (Montag, 23 März 2015 19:06)

    Vielen Dank für den Artikel. Die Heimatgeschichte ist immer interessant und muss gut konserviert werden.