Berufsorientierung dichter an den Jugendlichen

Sachsen-Anhalt hat die Berufsorientierung für 7.-Klässler neu aufgestellt. „Die Jugendlichen sollen sich stärker selbst einbringen und aktiv ihre Interessen und Kompetenzen ergründen können, statt allein passiv Berufsbilder vorgetragen zu bekommen“, sagte Arbeitsminister Norbert Bischoff am Montag beim Besuch eines Projektes in Wernigerode. Das einwöchige Angebot BRAFO (Berufswahl Richtig Angehen Frühzeitig Orientieren) richtet sich verpflichtend an Schülerinnen und Schüler der siebten Klassen von Sekundar-, Gemeinschafts- und Gesamtschulen sowie in diesem Jahr erstmals auch von Förderschulen für Lernbehinderte. Das Land und die Bundesagentur für Arbeit sind gemeinsam Träger des Projektes. An der Konzeption hat auch das Institut für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung Halle (isw) mitgewirkt. Minister Bischoff betonte: „Mit dem Neuansatz sind wir dichter bei den Jugendlichen. Wir lassen ihnen Zeit und Raum, sich auszuprobieren, selbst Stärken und Schwächen zu ergründen. Erst zum Schluss geht es um die Frage, welcher Beruf konkret anzustreben wäre.“ Bischoff mahnte: „Zu oft wird der Fehler gemacht, dass den Jugendlichen von erfahrenen Erwachsenen gesagt wird, welcher Beruf passend wäre. Die Jugendlichen müssen die Chance haben, genauer hineingucken zu können. Das erspart Enttäuschungen und verhindert Ausbildungsabbrüche.“

Heike Schittko, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Halberstadt, stellte fest: „Die Hitliste der am häufigsten gewählten Ausbildungsberufe ist bei uns im Landkreis Harz seit vielen Jahren bislang leider weitgehend unverändert. Mädchen favorisieren besonders die vermeintlich typischen Frauenberufe im Büro, im Einzelhandel und im Dienstleistungsbereich, Jungs konzentrieren sich in erster Linie auf den Kfz-Mechatroniker, gefolgt von einzelnen Metallberufen sowie einigen Handwerks- und Gastronomieberufen. Um den jungen Menschen den Blick auch  für andere Arbeitsfelder und die vielfältigen Angebote der Region zu öffnen, bietet das BRAFO-Projekt mit seinen Schnupperpraktika in verschiedenen Berufen eine ideale Grundlage. Dabei setzen wir bewusst auf eine frühzeitige Berufsorientierung, um den jungen Leuten einen gelungenen Start ins Berufsleben zu ermöglichen und die vielen Ausbildungsangebote der Region so gut wie möglich auszuschöpfen.“ Landesweit werden in diesem Jahr rund 9.000 Jugendliche aus 177 Schulen einen BRAFO-Kurs absolvieren. Das Konzept verfolgt einen Drei-Schritt-Ansatz von Kompetenz-, Interessens-, und Betriebserkundung.


Zum Auftakt werden in einer Kompetenzanalyse individuell Stärken und Schwächen ausgelotet. Im weiteren Verlauf erproben sich die Jugendlichen in verschiedenen Tätigkeitsfeldern, etwa handwerklich, künstlerisch, mathematisch-technisch oder kommunikativ. Damit wird ihre konkrete Interessenslage ergründet. In einem dritten Schritt wird den Jugendlichen empfohlen, in der achten Klasse freiwillig ein Firmenpraktikum zu absolvieren, um ihre Interessenslage und damit dann auch ihr Berufsbild weiter schärfen zu können.  Ziel ist es, dass sich die Jugendlichen praktisch ausprobieren. Zudem erhalten sie so frühzeitig Kontakt zu Unternehmen der Region. Das kann den Weg zu einem Arbeitsplatz ebnen. Insgesamt zielt die Berufsorientierung auf die vier Bereiche Natur und Technik, Mitmenschen, Kultur sowie Information und Wissenschaft. In diesen jeweiligen Lebenswelten sind konkrete Tätigkeitsfelder identifiziert worden, in denen sich die Mädchen und Jungen erproben. Das Ausprobieren soll den Jugendlichen helfen, letztlich selbst für sich ein Berufsbild zu identifizieren.


So geht es im Bereich Natur und Technik um das Fertigen, Verarbeiten, Reparieren sowie Rohstoffe gewinnen, Entsorgen, Reinigen und Pflanzen anbauen. Der Themenbereich Mitmenschen umfasst das Pflegen, soziale Helfen, medizinisches und kosmetisches Behandeln, Erziehen, Ausbilden und  Lehren, aber auch das Sichern und Beschützen von Ordnung und Sicherheit. In der Lebenswelt Kultur ergründen die Jugendlichen ihre Stärken und Schwächen beim Werben, Marketing, Bewirten, Beherbergen und Speisenbereiten. Auch loten sie aus, ob sie Talente besitzen und späterhin einmal künstlerisch, journalistisch oder unterhaltend tätig werden sollten. Im Bereich Information und Wissen geht es um elektronische Datenverarbeitung, das Beraten, Informieren, Einkaufen und Verkaufen, Kassieren, Sortieren, Packen, Beladen, Messen, Prüfen, Erproben und Kontrollieren. Für das BRAFO-Projekt wird Geld aus dem Europäischen Sozialfonds eingesetzt. Allein in den Jahren 2015 und 2016 sieben Millionen Euro. Die von der EU geforderte nationale Mitfinanzierung wird durch die Bundesagentur für Arbeit dargestellt. Das Projekt steht grundsätzlich auch für Sinnes-, Körper- und geistig Behinderte offen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0