98.000 Sachsen-Anhalter dopen sich für den Job

Copyright Foto: DAK-Gesundheit/iStock
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Hirndoping im Job: 98.000 Beschäftigte in Sachsen-Anhalt haben schon einmal verschreibungspflichtige Medikamente genutzt, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein oder Stress abzubauen. Das geht aus dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport 2015 hervor. Die Studie zeigt auch die Entwicklung der Fehlzeiten bei den psychischen Erkrankungen. Sie nahmen im vergangenen Jahr deutlich zu – um 25 Prozent. Seelenleiden waren damit erstmals die zweithäufigste Ursache für Fehltage in Sachsen-Anhalt. Insgesamt stieg der Krankenstand leicht auf 5,0 Prozent. Er lag damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 3,9 Prozent. Für die repräsentative Studie wertete das IGES Institut die Fehlzeiten aller erwerbstätigen DAK-Mitglieder in Sachsen-Anhalt aus. Es wurden zudem Arzneimitteldaten der Kasse analysiert und bundesweit mehr als 5.000 Beschäftigte im Alter von 20 bis 50 Jahren befragt. Demnach haben sich 5,4 Prozent der Berufstätigen in Sachsen-Anhalt und den angrenzenden Bundesländern schon einmal gedopt – mit Dunkelziffer sogar bis zu 9,5 Prozent. Hochgerechnet auf die Erwerbstätigen in Sachsen-Anhalt sind das 98.000 Menschen, die schon einmal leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente geschluckt haben. Derzeit betreiben etwa 18.000 der Erwerbstätigen in Sachsen-Anhaltregelmäßig und gezielt Hirndoping.

„Auch wenn Doping im Job noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal“, warnt Steffi Steinicke, Landeschefin der DAK-Gesundheit in Sachsen-Anhalt. „Damit die Beschäftigten auch bei Leistungsdruck langfristig gesund bleiben, ist Aufklärung wichtig. Suchtgefahren und Nebenwirkungen des Hirndopings sind nicht zu unterschätzen.“ 


Zwei Drittel der Menschen in Sachsen-Anhalt (66,3 Prozent) kennen den vermeintlichen Nutzen des Hirndopings. Häufig werden dafür Betablocker und Antidepressiva eingesetzt, aber auch Wachmacher und ADHS-Pillen – Medikamente also, die eigentlich zur Behandlung von Krankheiteneingesetzt werden. In Sachsen-Anhalt stieg zum Beispiel die Zahl der DAK-Versicherten, die von ihrem Arzt eine Methylphenidat-Verordnung (Ritalin) hatten, von 2011 bis 2013 um fast das Dreifache an. Methylphenidat ist zur Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen zugelassen. Ein Teil der DAK-Versicherten bekam dieses Medikament, ohne dass die Kasse in den Behandlungsdaten Hinweise auf ADHS finden konnte. Beim Wachmacher Modafinil gingen die Verordnungen im gleichen Zeitraum zwar etwas zurück, doch ein Drittel der Rezepte blieben ohne nachvollziehbare Diagnose. „Die Ergebnisse unseres Reports zeigen, dass es eine Grauzone bei den Verordnungen gibt. Wir vermuten, dass aus dieser Grauzone ein Teil der zur Leistungssteigerung missbrauchten Medikamente stammt“, sagt Steinicke.  


Auslöser für den Griff zur Pille sind meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Männer greifen eher zu leistungssteigernden Mitteln, Frauen nehmen häufiger stimmungsaufhellende Medikamente ein. Entgegen der landläufigen Meinung sind es nicht primär Führungskräfte oder Kreative, die sich mit Medikamenten zu Höchstleistungen pushen wollen. Der DAK-Report zeigt, dass vor allem Erwerbstätige mit einfachen Jobs gefährdet sind. Auch Beschäftigte mit einem unsicheren Arbeitsplatz haben ein erhöhtes Doping-Risiko. „Hirndoping ist mittlerweile beim ‚Otto Normalverbraucher‘ angekommen, um den Arbeitsalltag besser zu meistern. Das Klischee der dopenden Top-Manager ist damit vom Tisch“, so Steinicke.


Der DAK-Gesundheitsreport untersucht auch den Krankenstand in Sachsen-Anhalt. Er ist gegenüber dem Vorjahr leicht gestiegen und liegt bei 5,0 Prozent. Das heißt, 2014 waren von 1.000 erwerbstätigen Arbeitnehmern in Sachsen-Anhalt im Schnitt pro Tag 50 krankgeschrieben, im Bund waren es 39. Ein Beschäftigter fehlte in Sachsen-Anhalt an durchschnittlich 18 Tagen im Job. Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen, wie Depressionen und Angstzuständen, stiegen um 25 Prozent deutlich an. Sie lagen mit 14,1 Prozent der Ausfälle erstmals auf Platz zwei der Krankheitsarten. Die Zahl der Fehltage in diesem Bereich stieg auf 257 Tage pro 100 DAK-Versicherte. Seit dem Jahr 2000 verzeichnet der DAK-Report einen Anstieg bei den psychischen Erkrankungen um insgesamt 257 Prozent. 


Für fast ein Viertel der Fehltage (23,2 Prozent) waren in Sachsen-Anhalt  Muskel-Skelett-Erkrankungen verantwortlich, beispielsweise Rückenschmerzen. Die Zahl der Fehltage aufgrund von Atemwegserkrankungen sank im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent und landete mit 13,9 Prozent der Fehltage auf Platz drei. Die Branchen mit dem höchsten Krankenstand waren 2014 das verarbeitende Gewerbe mit 5,7 Prozent, das Gesundheitswesen mit 5,2 Prozent und sonstige Dienstleistungen mit 5,0 Prozent. Den niedrigsten Krankenstand hatte der Wirtschaftszweig Bildung, Kultur, Medien mit 3,9 Prozent. Die DAK-Gesundheit ist die drittgrößte Krankenkasse Deutschlands. Für die Analyse wurden die Daten von rund 63.000 erwerbstätigen DAK-Mitgliedern in Sachsen-Anhalt durch das IGES Institut ausgewertet. 

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