Bernburg, 17. Oktober 2025 – Wie gerecht ist das Bürgergeld wirklich? Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten für den Staat – und wie transparent ist das System gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern?
Von Lutz Altrock
Im zweiten Teil unserer Interviewreihe mit Thomas Holz, Leiter des Jobcenters Salzlandkreis, werfen wir einen kritischen Blick auf die finanziellen und gesellschaftlichen Grundlagen des Bürgergeldes. Dabei geht es nicht nur um Zahlen, sondern auch um Erwartungen, Herausforderungen und die Frage, wie viel soziale Gerechtigkeit wir uns leisten können – und wollen.
💬 Bürgergeld: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
„Wir erleben immer häufiger, dass Menschen mit lückenhaften Erwerbsbiografien oder prekären Beschäftigungen im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind“, erklärt Thomas Holz. Besonders betroffen seien Frauen, Alleinerziehende und Menschen mit Migrationshintergrund. Das Bürgergeld sei längst nicht mehr nur eine Hilfe für junge Menschen oder Familien in akuten Notlagen – sondern auch für jene, die jahrzehntelang gearbeitet haben und dennoch mit dem Risiko der Altersarmut leben.
💡 Ein Satz, der bewegt
Mitten im Gespräch über Zahlen, Verteilung und Verwaltungskosten fällt ein Satz, der weit über die Statistik hinausweist. Thomas Holz bringt es auf den Punkt:
„Statistisch gesehen haben Menschen, die dauerhaft von Sozialleistungen leben, eine um fast vier Jahre geringere Lebenserwartung. Wenn ich Menschen in Arbeit und soziale Teilhabe bringe, ermögliche ich ihnen ein längeres und schöneres Leben. Das treibt mich an.“
Diese Aussage ist mehr als eine persönliche Motivation – sie ist ein Appell. Ein Appell an Politik, Gesellschaft und Verwaltung, soziale Sicherung nicht nur als finanzielle Leistung zu begreifen, sondern als Investition in Lebenszeit und Lebensqualität. Für Holz ist das Bürgergeld nicht nur ein Instrument der Existenzsicherung, sondern ein Hebel für Teilhabe, Würde und Zukunft.
📊 Wer bekommt wie viel? Fakten zur Verteilung
Die Diskussion um die Verteilung der Bürgergeldmittel ist oft emotional und politisch aufgeladen. Holz liefert nüchterne Zahlen: „Wenn man Regelleistung, Kosten der Unterkunft und Mehrbedarfe zusammenzählt, ergibt sich ein Anteil von rund 20,3 Prozent für nichtdeutsche Antragsteller.“ Bundesweit liege der Anteil deutlich höher, im Salzlandkreis hingegen bei etwa 20 Prozent. Gründe dafür sieht Holz in der ländlichen Struktur und geringeren Zuwanderung im Vergleich zu städtischen Regionen wie Halle, Jena oder Magdeburg.
„Wir haben auf Ihre Frage mal nachgerechnet: 7,12 Millionen deutsche Antragsteller, 1,82 Millionen nichtdeutsche – das ergibt ziemlich genau 20,3 Prozent“, so Holz. „Das ist keine Überraschung, sondern eine statistische Realität.“
🧾 Sprachkurse, Integrationsmaßnahmen – Wer zahlt was?
Die Kosten für Sprachkurse und Integrationsmaßnahmen laufen laut Holz größtenteils über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder über Landesprogramme. Eine zentrale Übersicht über alle Ausgaben sei daher schwer zu liefern. „Wir sind nicht die Stelle, die das alles zusammenführt“, sagt Holz. „Für unsere eigenen Maßnahmen haben wir Zahlen, aber für die Gesamtkosten müsste man beim Bund oder beim Land nachfragen.“
🧮 Verwaltungskosten: Tarifsteigerungen statt Reformdruck
Die Bürgergeldreform habe laut Holz nicht direkt zu höheren Verwaltungskosten geführt. „Unsere Verwaltungskosten bestehen zu 80 Prozent aus Personalkosten. Die Steigerungen resultieren aus den Tarifabschlüssen im öffentlichen Dienst.“ Für 2024 rechnet das Jobcenter mit rund 27,2 Millionen Euro allein für Personal.
Insgesamt verwaltet das Jobcenter Salzlandkreis ein Budget von rund 160 Millionen Euro:
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ca. 100 Millionen Euro für Bürgergeld, Kosten der Unterkunft und Sozialversicherungsbeiträge
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rund 27 Millionen Euro für Verwaltungskosten
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etwa 14 bis 15 Millionen Euro für Eingliederungsmittel
„Das ist Geld rein, Geld raus“, sagt Holz. „Wir passen unser Personal bei sinkenden Leistungsbezieherzahlen an – etwa hälftig über die Jahre.“
🚦 Sanktionen: Regeln statt Repression
Auch das Thema Sanktionen – gesetzlich als „Leistungsminderungen“ bezeichnet – wurde angesprochen. Holz sieht darin kein Einsparinstrument, sondern ein Mittel zur Sicherstellung von Verbindlichkeit. „Wir wollen keine Jagd auf Leistungsminderungen. Aber wer dauerhaft Termine versäumt und Angebote ausschlägt, muss mit Konsequenzen rechnen.“
Wichtig sei, dass Sanktionen zeitnah und nachvollziehbar erfolgen. „Wenn nach einem Meldeversäumnis erst nach drei Prozessschritten zwei Monate später 10 % gekürzt wird, ist das nicht besonders wirksam. Eine schnellere und klarere Umsetzung wäre sinnvoll.“
🚀 Jobturbo: Aufmerksamkeit ja, Wunder nein
Auch der „Jobturbo“ – ein Programm zur schnelleren Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt – war Thema im Gespräch. In Bernburg gab es einen ersten Aktionstag, auch im Salzlandkreis wurde das Programm aufgegriffen. Holz sieht darin vor allem einen kommunikativen Erfolg: „Der Jobturbo hat Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema gelenkt und uns in der Arbeitgeberberatung unterstützt.“
Gleichzeitig betont er: „Wir haben uns nie ausschließlich auf eine Gruppe konzentriert, sondern kümmern uns zu jedem Zeitpunkt gleichmäßig um alle erwerbsfähigen Leistungsberechtigten.“ Die Zusammenarbeit mit dem BAMF habe sich durch das Programm intensiviert, Sprachkurse würden nun regelmäßig besucht, Vermittlungsangebote direkt vor Ort gemacht.
Doch Holz warnt vor überzogenen Erwartungen: „Wenn die Erwartung ist, dass von 1000 eingereisten Ukrainerinnen und Ukrainern binnen eines Jahres 800 in Arbeit sind, dann ist das mit unseren Rahmenbedingungen nicht zu schaffen.“ Integration sei ein mittelfristiger Prozess – mit Spracherwerb, Qualifizierung und beruflichem Aufstieg.
„Wir beobachten teilweise höhere Integrationsquoten bei männlichen Syrern als bei der deutschen Bevölkerung“, ergänzt Holz. „Auch bei Ukrainerinnen wächst die Quote stark. Aber das braucht Zeit.“
🧭 Förderung nach Bedarf – nicht nach Herkunft
Das Jobcenter Salzlandkreis arbeitet nach klaren gesetzlichen Vorgaben: Jeder Mensch wird individuell betrachtet – unabhängig von Herkunft. Fördermittel werden nach Bedarf und Integrationspotenzial vergeben. „Wir arbeiten nach denselben Regeln, aber mit unterschiedlichen Wegen – je nach Profil und Lebenslage“, so Holz. „Da kann es sein, dass jemand mit Sprachförderung beginnt, ein anderer mit Gesundheitsangeboten – je nachdem, was ihn dem Job näher bringt.“
Fazit: Das Bürgergeld ist mehr als eine finanzielle Leistung – es ist ein Spiegel gesellschaftlicher Herausforderungen. Im Salzlandkreis setzt man auf individuelle Förderung, klare Regeln und langfristige Integration. Der „Jobturbo“ hat Impulse gesetzt, doch echte Veränderung braucht Zeit, Ressourcen und Geduld.
🔜 Nächste Serie: 📅 07. November 📌 Thema: „Jobcenter Salzlandkreis – Zwischen Druck, Dialog und sozialer Verantwortung"
Wie wirkt sich der zunehmende gesellschaftliche Druck auf Menschen im Bürgergeldbezug aus? Welche Rolle spielen Sanktionen, Leistungskürzungen und das Gefühl ungleicher Behandlung für den sozialen Zusammenhalt? Und wie begegnet das Jobcenter Salzlandkreis wachsendem Frust, Polarisierung und der Sorge vor einer Spaltung unter den Leistungsbeziehenden?
Im nächsten Teil unserer Interviewreihe mit Thomas Holz, dem Leiter des Jobcenters Salzlandkreis, sprechen wir über die psychosozialen Belastungen im System, über Erwartungen und Enttäuschungen – und über die Verantwortung der Verwaltung, Spannungen nicht zu verschärfen, sondern Brücken zu bauen.
📅 19. September 2025 📌 Thema: ,,Bürgergeld und soziale Gerechtigkeit: Einblicke aus dem Jobcenter Salzlandkreis“
📅 17. Oktober 2025 📌 Thema: ,,Jobcenter Salzlandkreis: Zwischen Hilfe und Hoffnung - Das Bürgergeld im Spiegel der Gesellschaft“
📅 07. November 2025 📌 Thema: „Jobcenter Salzlandkreis – Zwischen Druck, Spaltung und sozialer Verantwortung“
