Zwischen Campus und Weltmarkt - Agri-Photovoltaik-Anlagen am Campus Bernburg
Seit 25 Jahren lehrt Prof. Dr. Elena Kashtanova an der Hochschule Anhalt, wie Ernährung und Landwirtschaft globale Märkte nutzen können. Ihre Studierenden entwickeln in "Global Team Projects" Exportstrategien für regionale Unternehmen und proben die internationale Zusammenarbeit.
Campus zwischen Tradition und Praxis
Der Campus Bernburg liegt inmitten der Agrarlandschaft Mitteldeutschlands. Zwischen funktionalen Gebäuden und Lehrgärten fahren hin und wieder Traktoren über den Rundweg. Elena Kashtanova arbeitet hier als Professorin für "Internationalen Handel im Agribusiness" und Dekanin des Fachbereichs Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung. In dieser Rolle kennen sie die meisten: etwa von der Grünen Woche, wenn sie die Projekte ihres Fachbereichs präsentiert. Ihr Kalender ist voller Termine, doch nur ein Teil ihrer Arbeit. "Studierende fit für internationale Märkte zu machen – das war von Beginn an mein Auftrag", sagt die 56-Jährige.
Von Minsk nach Bernburg
Ende der 1990er wollte die Hochschule Anhalt ein internationales Aufbaustudium für Fach- und Führungskräfte zum Masterstudium weiterentwickeln. Elena Kashtanova brachte dafür die passenden Erfahrungen mit: Studium der Volkswirtschaftslehre in Minsk, Promotion, Beratungen für Weltbank und UNO. Sie hatte für osteuropäische Länder und international tätige Unternehmen gearbeitet. "Daher wusste ich, was für internationale Geschäfte wichtig ist und wollte das praxisnah vermitteln", sagt sie. Anfang der 1990er hatte sie in Weißrussland miterlebt, was passiert, wenn die Wirtschaft zusammenbricht: Menschen verlassen vor allem die ländlichen Gegenden, nur neue internationale Verbindungen helfen dann weiter.
Lernen im internationalen Team
Ihre Idee für das neue Masterstudium "Food and Agribusiness": internationale Studierendenteams entwickeln Export- und Investitionsstrategien für reale Unternehmen. Für die Machbarkeitsstudien arbeiten Studierende der Hochschule Anhalt mit Partnerinnen und Partnern aus den Niederlanden, USA, Polen oder Tschechien zusammen. Die Projekte kommen aus Fach-Netzwerken oder von Studierenden selbst. Schon vor Corona nutzten die Teams Online-Tools für den Austausch. "Ein Treffen vor Ort ist trotzdem Pflicht", sagt Elena Kashtanova, denn: "Internationale Geschäfte brauchen Vertrauen.“ Wie arbeite ich kulturübergreifend zusammen? Welche Spielregeln muss ich für mein Produkt beachten? „Das sind neben Marktanalysen die wichtigsten Fragen“, betont sie.
Regionale Unternehmen als Partner
2006 und 2010 wurde der E-Learning Ansatz für internationales Teaming ausgezeichnet. Seit dem Start des Studiengangs haben über 250 das Masterstudium absolviert, um in Exportabteilungen großer Firmen wie CLAAS, BASF, KWS oder im eigenen Familienbetrieb zu arbeiten. Hunderte Projekte sind bearbeitet worden. Ein konkretes Monitoring über die tatsächlich umgesetzten Exporte gibt es nicht – allerdings bekannte Leuchtturmprojekte. So leisteten die Studierenden wichtige Vorarbeiten für das Exportgeschäft von Filinchen-Produkten der Weißenfelser Handels-Gesellschaft nach China oder Qualitätsweizen aus der Börde nach Ägypten. Aktuell laufen rund 50 Vorhaben. Für Wikana Keks und Nahrungsmittel GmbH arbeitet derzeit ein Student an einem Japan-Konzept: Marktanalyse, kulturelle Besonderheiten, mögliche Partner.
Flexibilität als Wirtschaftsfaktor
Unternehmen aus Sachsen-Anhalt sind in jeder Projekt-Runde dabei. "Kleinen Betrieben der Ernährungswirtschaft und auch Agrarunternehmen fehlen oft Export-Abteilungen", erklärt Elena Kashtanova. Das betreffe die meisten Unternehmen der Branche in Sachsen-Anhalt. Zwar mache der Auslandsumsatz (742,9 Mio. Euro im I. Halbjahr 2024) im Vergleich zum Inlandsgeschäft (3,03 Mrd. Euro im I. Halbjahr 2024) den kleineren Anteil aus. Dennoch sieht die Volkswirtin in Exportstrategien einen wichtigen Faktor für diesen Wirtschaftszweig, der seit Jahren einer der umsatzstärksten des Bundeslandes ist. "Wir haben gesehen, wie schnell sich die Weltlage ändern kann. Dann müssen Unternehmen agieren können. Wenn ein Agrarbetrieb neu über Weizenexporte nach Norwegen nachdenkt, können wir daraus ein Projekt für Studierende machen."
EU-Standards als Exportgut
Deutsche Produkte gelten international als verlässlich hinsichtlich ihrer Qualität, Sicherheit und zunehmend auch bei Nachhaltigkeit. „Unsere Zukunft liegt darin, ethische und ökologische Standards in wachsende Märkte zu exportieren“, sagt Elena Kashtanova, die im November mit einer Delegation der Industrie- und Handelskammer Hong Kong und Vietnam besucht hat, um Themen für neue Projekte mitzubringen. Viele neue Ideen kommen auch von den Studierenden selbst, wie ein Importprojekt für Fisch aus Indonesien, an dem drei Studentinnen aus Indonesien, Philippinen und Iran arbeiten. Eine der wichtigsten Fragen ihres Konzepts: wie die EU-Lebensmittelstandards eingehalten werden können.
