Die traditionsreiche Schiffswerft Mukrena bei Bernburg an der Saale blickt auf Jahrzehnte maritimer Ingenieurskunst zurück. Bereits in den 1970er-Jahren war die Werft an spektakulären Transport- und Modernisierungsprojekten beteiligt. Eines der bekanntesten Beispiele ist die MS Gera: 1976 wurde das Fahrgastschiff aufwendig über Land von Dresden zum Werfthafen nach Alsleben/Saale transportiert, um dort technisch überarbeitet zu werden – ein logistisches Meisterstück seiner Zeit.
Fast fünf Jahrzehnte später beginnt für das traditionsreiche Schiff nun ein völlig neues Kapitel: die Transformation vom dieselbetriebenen Ausflugsschiff zum vollelektrischen Fahrgastschiff der Zukunft.
Die Zukunft der Passagierschifffahrt ist elektrisch
Die Anforderungen an moderne Fahrgastschiffe haben sich grundlegend verändert. Umweltauflagen, steigende Kraftstoffpreise und der Wunsch nach nachhaltigem Tourismus treiben die Branche zunehmend in Richtung emissionsfreier Antriebssysteme. Gerade auf sensiblen Binnengewässern wie der Bleilochtalsperre gewinnt die Elektrifizierung an Bedeutung. Lärm, Abgase und Dieselgeruch passen immer weniger zu naturnahen Tourismuskonzepten. Gleichzeitig ermöglichen moderne Batteriesysteme heute Reichweiten und Leistungsreserven, die noch vor wenigen Jahren kaum realisierbar gewesen wären.
Kompletter Umbau statt Teilmodernisierung
In nur sechs Monaten wurde das Schiff technisch vollständig neu aufgebaut. Gemeinsam mit der Torqeedo GmbH, der Schiffswerft Fischer GmbH, der FS Schiffelektrik GmbH und der Marina Saalburg entstand ein maßgeschneidertes elektrisches Gesamtkonzept.
Dabei wurde bewusst nicht auf Hybridtechnik gesetzt, sondern konsequent auf einen vollständig elektrischen Betrieb:
- Entfernung des kompletten Diesel-Hauptmotors
- Verzicht auf Dieselgeneratoren zur Stromversorgung
- Elektrifizierung sämtlicher Bordsysteme
- Rein elektrisch betriebene Bordküche
- Lokaler Betrieb ohne Emissionen
Das Ergebnis ist ein nahezu lautlos fahrendes Fahrgastschiff, das neue Maßstäbe im nachhaltigen Wassertourismus setzt.
Technologiewandel auf dem Wasser
Die Umrüstung der MS Gera steht exemplarisch für eine Entwicklung, die zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Dekarbonisierung der europäischen Binnen- und Fahrgastschifffahrt. Während Elektromobilität auf der Straße längst etabliert ist, beginnt nun auch auf dem Wasser ein tiefgreifender Wandel. Moderne Elektromotoren bieten hohe Effizienz, geringe Wartungskosten und ein deutlich verbessertes Fahrerlebnis. Besonders im touristischen Bereich entsteht dadurch ein völlig neues Qualitätsniveau für Fahrgäste und Betreiber. Die nahezu geräuschlose Fortbewegung verändert das gesamte Erlebnis an Bord. Natur, Wasser und Landschaft rücken stärker in den Mittelpunkt – ohne Motorlärm oder Abgasbelastung.
Erfolgreiche Erprobung der neuen Technik
Die anschließenden Testfahrten der MS Gera verliefen erfolgreich. Sowohl Fahrverhalten als auch Energiemanagement und Sicherheitssysteme erfüllten die hohen Anforderungen der Schiffsuntersuchungskommission ohne Beanstandungen. Damit beweist das Projekt, dass die Umrüstung bestehender Fahrgastschiffe technisch realisierbar und wirtschaftlich sinnvoll sein kann – auch bei älteren Schiffseinheiten mit langer Geschichte.
Signalwirkung weit über Thüringen hinaus
Die vollelektrische MS Gera ist mehr als nur ein regionales Tourismusprojekt. Sie gilt als Beispiel dafür, wie traditionelle Schiffstechnik mit moderner Elektromobilität verbunden werden kann. Von der historischen Schiffswerft Mukrena bis zur emissionsfreien Zukunft auf dem Thüringer Meer spannt sich damit ein außergewöhnlicher Bogen deutscher Binnenschifffahrtsgeschichte – und zugleich ein Blick in die Zukunft nachhaltiger Passagierschifffahrt in Europa.
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