
Bernburg, 2. September 2025 - Wie steht es um die haus- und fachärztliche Versorgung im Salzlandkreis – heute und in Zukunft? Diese Frage bildete den Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung, zu der die Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Dr. Franziska Kersten am gestrigen Abend in die Kulturstiftung Bernburg eingeladen hatte. Ziel war es, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum – insbesondere in den Regionen Salzlandkreis, Börde und Jerichower Land – kritisch zu beleuchten und gemeinsam mit Bürger, medizinischem Fachpersonal sowie politischen Vertreter konkrete Lösungsansätze zu entwickeln.
Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse und offenbarte die Dringlichkeit des Themas. Die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen steht vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen: eine sinkende Bevölkerungsdichte, hohe Fixkosten für Praxen, große Entfernungen zu medizinischen Einrichtungen und ein zunehmender Mangel an Fachkräften. Besonders betroffen sind vulnerable Gruppen wie ältere Menschen und Kinder – gerade Kinderarztpraxen lassen sich wirtschaftlich kaum tragen, was zu Versorgungslücken führt.
Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne schilderte die aktuelle Lage in Bernburg eindrücklich: Zwar konnte die Kassenärztliche Vereinigung erfolgreich eine Kinder- und Jugendmedizinerin ausschreiben, doch eine spürbare Entlastung der Versorgungssituation sei bislang ausgeblieben. Die rückläufige Geburtenrate in Sachsen-Anhalt – unter 12.000 im vergangenen Jahr – sowie die restriktive Regulierung bei vermeintlicher Überversorgung erschweren die Zulassung weiterer Fachärzt:innen. Dies führt dazu, dass die offizielle Versorgungslage oft besser aussieht als sie von den Menschen vor Ort empfunden wird.
Ein weiteres Problem: Der Arztberuf wird zunehmend weiblich, und viele junge Medizinerinnen streben eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf an. Einzelpraxen sind für sie oft keine Option – gefragt sind Gemeinschaftspraxen mit flexiblen Arbeitsmodellen. Die Kassenärztliche Vereinigung unterstützt diesen Wandel aktiv, doch strukturelle Hürden bleiben bestehen.
Dr. Franziska Kersten, Sprecherin für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat sowie Mitglied im Gesundheitsausschuss, betonte die politische Relevanz des Themas. Die Ampelkoalition habe mit dem Krankenhausstrukturgesetz erste Schritte eingeleitet, um Kommunen zu befähigen, durch gezielte Anreize – etwa günstige Praxisräume – Ärzt:innen zur Niederlassung zu motivieren. Doch es brauche mehr als gesetzliche Rahmenbedingungen: Es brauche neue Versorgungsmodelle, die den Bedürfnissen der heutigen und zukünftigen Generation von Mediziner:innen gerecht werden.
Ein solches Modell stellte Dr. John vor, langjähriger Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt und praktizierender Hausarzt in Schönebeck. Seine Praxis entwickelte sich von einer klassischen Einzelpraxis zu einem modernen Versorgungszentrum mit angestellten Ärzt:innen, erweiterten Räumlichkeiten und enger Kooperation mit der Universität. Diese Struktur erwies sich als besonders attraktiv für Medizinstudierende, die ihre Weiterbildung in der Praxis absolvieren und sich später für eine Anstellung entscheiden – nicht für die klassische Selbstständigkeit.
Die Praxis bietet moderne Arbeitsbedingungen: flexible Arbeitszeiten, digitale Patientenakten, zentrale Datenverwaltung und ein kollegiales Umfeld. Besonders junge Ärztinnen mit kleinen Kindern profitieren von der Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten und dennoch Teil eines funktionierenden Teams zu sein. Eigene Fortbildungen – oft digital organisiert – schaffen eine lernfördernde Atmosphäre direkt vor Ort.
Ein weiteres zukunftsweisendes Modell zeigt sich in Rosenburg: Nach dem plötzlichen Tod eines Kollegen übernahm Dr. Johns Praxis die medizinische Betreuung des Dorfes. Dabei spielen medizinische Fachangestellte mit Zusatzqualifikation – sogenannte VERAs (Versorgungsassistentinnen) – eine zentrale Rolle. Sie übernehmen delegierbare Aufgaben wie Hausbesuche, Blutdruckkontrollen und Diabetesbetreuung und sind durch ihre Ausbildung in der Lage, viele Versorgungsleistungen eigenständig durchzuführen. Ergänzt wird dieses Modell durch Telemedizin: Ärzt:innen können per Video zugeschaltet werden, während die VERAs vor Ort die Untersuchung begleiten und die nötigen Daten übermitteln.
Dr. John betonte, dass solche Modelle nicht nur für den ländlichen Raum, sondern auch für städtische Regionen zukunftsweisend sind. Die Delegation ärztlicher Aufgaben an qualifiziertes Personal entlastet die Ärzt:innen und ermöglicht eine effizientere Versorgung. In seiner Praxis arbeiten mittlerweile mehrere VERAs, die eigenständig agieren und teilweise sogar als Expertinnen konsultiert werden. Zusätzlich kümmern sich speziell angestellte Mitarbeitende um die Bürokratie, sodass sich die Ärzt:innen auf die medizinische Arbeit konzentrieren können.
Das zentrale Ziel ist der Aufbau von Versorgungsteams, die aus Ärzten, Fachangestellten und Verwaltungskräften bestehen und gemeinsam eine hochwertige, patientennahe Versorgung sicherstellen. Dieses Modell bietet nicht nur eine Lösung für den Fachkräftemangel, sondern entspricht auch den Erwartungen der jungen Generation von Mediziner, die Wert auf Teamarbeit, Flexibilität und Lebensqualität legen.
Die Rolle der Kommunen wurde ebenfalls intensiv diskutiert. Sie tragen eine zentrale Verantwortung für die Sicherstellung der medizinischen Grundversorgung – insbesondere bei plötzlichen Versorgungslücken. Durch die Bereitstellung geeigneter Praxisräume, die Förderung von Versorgungsmodellen mit angestellten Ärzt:innen, die Unterstützung der Weiterbildung nichtärztlichen Personals und den Ausbau digitaler Infrastruktur können Kommunen aktiv zur Stabilisierung und Modernisierung der Versorgung beitragen. Mobilitätslösungen wie Bürgerbusse oder mobile Versorgungseinheiten sowie die Koordination regionaler Gesundheitsnetzwerke runden das kommunale Aufgabenprofil ab.
Die Veranstaltung in Bernburg machte deutlich: Die medizinische Versorgung im Salzlandkreis steht vor großen Herausforderungen – aber auch vor großen Chancen. Modelle wie die von Dr. John, politische Reformen und die aktive Rolle der Kommunen können gemeinsam eine zukunftsfähige, wohnortnahe und patientenzentrierte Versorgung sichern. Die Friedrich-Ebert-Stiftung und Dr. Franziska Kersten kündigten an, den Dialog fortzusetzen und konkrete Projekte zu begleiten. Denn eines wurde klar: Die Zukunft der medizinischen Versorgung beginnt mit dem gemeinsamen Handeln – heute.
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