Die letzten Kriegstage in der Stadt Bernburg

Lesen Sie hier Ereignisse der letzten Kriegstage der Stadt Bernburg, von Panzersperren und Brückensprengungen, dem Bombengroßangriff am 11. April der Kapitulation und Übergabeverhandlungen am 16. April an die Amerikaner (von Dr. jur. Ernst Eilsberger)


Anfang Februar 1945 hatte die russische Armee auf ihrem Vormarsch in Richtung Berlin den Oderstrom bei den Städten Frankfurt und Küstrin erreicht. Hier machte sie zunächst halt – wie es schien, um Verstärkung für ihren geplanten frontalen Großangriff auf die Reichshauptstadt heranzuziehen und ihre Flanken nach Nord und Süd genügend zu sichern, dann aber wohl auch, um ein näheres Heranrücken der angloamerikanischen Armee von Westen her abzuwarten. Deutscherseits glaubte man nach denen die Grenze zwischen den künftigen Besatzungszonen der Russen und der Angloamerikaner die Elbe bilden sollte. Anfang April stand der Russe immer noch fest in der Oderstellung östlich von Berlin.

 

Die angloamerikanische Armee war inzwischen, nachdem sie Anfang 1945 den Rhein überschritten hatte, mit zahlreichen Panzerverbänden und nachfolgenden Truppeneinheiten nach Osten weit in das Deutsche Reich vorgestoßen. In Mitteldeutschland um den 10. April bis an die Elbe bei Magdeburg und Barby gelangt. Hier endete zunächst ihr Vormarsch. Man nahm auf deutscher Seite an, der Stillstand bezweckte, das die südlich anschließenden noch in Raume Halberstadt-Nordhausen stehenden gegnerischen Verbände gleichfalls erst an die Elbe, in die Linie Aken-Dessau heranrücken sollten. Dabei glaubte man freilich annehmen zu dürfen, das auch in der Linie Aken-Dessau noch die Elbe noch die Grenze der künftigen Besetzungszonen bilden sollte. Doch wenn man auf der Landkarte sah, das bei Aken der Lauf der Elbe, stromaufwärts verfolgt, einen scharfen Knick von Süden nach Osten macht, so lag die in Blättern der Alliierten wiederholt erörterte Möglichkeit nahe, das als grenze der Besetzungszonen südlich von Magdeburg ein ebenfalls weiter nach Süden gerichteter Flusslauf gewählt werden mochte, vielleicht die Saale, oder auch die Mulde. Jedenfalls aber führte der Weg der aus dem Raum Nordhausen - Halberstadt nach Osten verrückenden Angloamerikaner über Bernburg.

 

Die Stadt Bernburg Anfang April 1945 mit ihren Verteidigungsbehörden: dem Kampfkommandanten, dem Oberbürgermeister dem Kreisleiter

 

Somit war die Lage der Stadt Bernburg am 10 April, dem Tage, an dem wir unsere Schilderung beginnen, unstreitig eine sehr ernste. Der am 8. April von dem Gauleiter Jordan in Dessau, seiner Eigenschaft als Reichsverteidigungskommissar, ernannte „Kampfkommandant“ der Stadt Bernburg, Oberleutnant Schnitter, dem in Sachen Stadtverteidigung der Oberbürgermeister der Stadt Bernburg Eggert und der Bernburger Kreisleiter Himmerich, unterstellt waren, sah sich vor eine schwierige Aufgabe darstellt. Die Hauptsorge bildete dabei die frage, ob sich der allgemeine Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht zur „Leistung äußerstem Widerstandes“, der in den letzten Tagen wie es in Bernburg hieß, durch den Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar dem Kampfkommandanten schriftlich und telefonisch noch besonders eingeschärft war, überhaupt durchführen ließ.

 

Kampftruppe und Waffen in Bernburg

 

Denn seit etwa 2 Wochen war Bernburg von allen irgendwie kampffähigen Truppen entleert. Unter dem Kommando des Kampfkommandanten, der hauptamtliche Leiter des Wehrmeldeamtes Bernburg war, standen lediglich 10 (arbeitsverwendungsfähige) Soldaten mit 5 Gewehren und 2 Pistolen zu je 5 Schuss. Der Oberbürgermeister verfügte nur über eine verhältnismäßig geringe Zahl von Polizeimannschaften und Feuerwehrleuten, die nach den bestehenden Vorschriften ausschließlich zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Feuerschutz in der Stadt bestimmt waren. Einzig und allein der Kreisleiter hatte ein umfangreiches Personal zur Hand: sein Stab zählte etwa 30 Köpfe, der ihm unterstellt war etwa 600 Mann stark; ihm unterstanden ferner die Parteiorgane in Bernburg. auch durfte er auf Unterstützung durch die Mitglieder der Partei und der H.J. in Bernburg rechnen. Dem gegenüber war jedoch sein Bestand an Waffen außerordentlich gering. Wenn wir 60 Gewehre, 40 Pistolen und 100 Panzerfäuste rechnen, werden wir wohl bereits zu hoch gegriffen haben.

 

Andere Verteidigungsmitte: Panzersperrung, Brückensprengung

 

Solches dürfte auch der Kampfkommandant, der mit seinen 1o Bürosoldaten begreiflicherweise engere Fühlung an dem Kreisleiter suchte, aber auch der Kreisleiter selbst, wenn er die Kampfkraft seiner ziffernmäßig hohen Zahl an Mannschaften einzuschätzen verstand, wohl erkannt haben. Sie mussten deshalb andere Verteidigungsmittel anwenden, wenn sie sich irgendein einen Erfolg von der Verteidigung wollten. Nach dem Vorgang anderer Städte im Osten und Westen und nach den Beschlüssen einer Gauleiter-Konferenz vom 4. April kamen als solche Verteidigungsmittel in erster Linie Panzerstraßensperren in Frage, und sodann äußerstenfalls Brückensprengungen, oder beides vereint, alles aber selbstverständlich unter gleichzeitigen Einsatz der wenigen verfügbaren bewaffneten Kampfkräften.

 

Zuständigkeit für Vorbereitung und Durchführung der Straßensperren und Brückensprengung

 

Handelt es sich bei der Frage der Verteidigung der Stadt durch Personal und Waffen in erster Linie um eine gemeinsame Aufgabe des Militärs und der Partei, woraus sich insoweit die enge Zusammenarbeit des Kampfkommandanten mit dem Kreisleiter erklären ließ, so war die Errichtung von Sperren in städtischen und gar die Sprengung städtischer Brücken eine über die Partei hinausgehende Angelegenheit, die tief in die städtische Belage eingriff. und die der Kampfkommandant dem gemäß mit dem Oberbürgermeister hätte regeln sollen. Der Kampfkommandant zog es indes vor, auch in diesen Fragen vornehmlich mit dem Kreisleiter zusammen zu arbeiten, wenngleich dieser mit der Verwaltung der Stadt Bernburg nichts unmittelbar zu tun hatte und seine Einflussnahme aus städtische Angelegenheiten sich nur mittelbar durch die Parteiorgane und Parteigliederung, wie Ortsgruppenleiter, H.J. - Führer u.dgl. äußern konnten. Der Kampfkommandant glaubte anscheinend von dem Kreisleiter leichter die Erfüllung aller seiner militärischen Wünsche zu erlangen; unterstanden doch überdies beide dem gleichen Vorgesetzen: Der Kampfkommandant den Gauleiter Jordan in dessen Eigenschaft als Reichsverteidigungskommissar, der Kreisleiter demselben Gauleiter als seinen Parteioberen. Der Oberbürgermeister dagegen war ein vom Staate, wenn auch mit Zustimmung der Partei, bestellter Beamter, der unter selbstverständlicher Voranstellung seiner Vaterlandspflichten die Interessen seiner Stadt zu vertreten hatte.

 

Es war an sich wohl ein richtiger Gedanke, der im 5. Kriegsjahr angesichts des ständigen Vorrückens der Alliierten in die deutschen Lande von Ost nach West, zu der Bestellung der Reichsverteidigungskommissare in der Person der Gauleiter führte. Denn da die im Laufe des Krieges an Zahl im schwächer werdenden deutschen Truppen aus strategischen Gründen und taktischen Gründen bald hierin, bald dorthin geworfen werden musste, konnte die Truppe zur dauernden Verteidigung eines Raumes oder Ortes- von den sog. Stützpunkten abgesehen- nicht längere Zeit an demselben Platze festgehalten werden. Der gegebene Raum, der Gau, musste sich in erster Linie selbst zu verteidigen suchen, der Gauleiter wurde Reichsverteidigungskommissar für seine Gau. Das sich bei solcher Regelung leicht übergriffe der Partei in militärische und behördliche Zuständigkeiten einstellen konnten, liegt auf der Hand. Wir werden solche Übergriffe auch in unserer Schilderung der Bernburger Verteidigungsmaßnahmen feststellen können.

 

Mitte März verlangte der Gauleiter in seiner Eigenschaft als Reichsverteidigungskommissar von dem Kreisleiter in Bernburg in dringender Form die schleunige Errichtung von Panzersperren in der Stadt Bernburg. Zur gleichen Zeit überbrachte ein Pionierfeldwebel dem Kreisleiter die Vorschriften der Heeresverwaltung über die technische Ausführung von Panzersperren. der Feldwebel stellte in der Woche vor Ostern- der letzten Märzwoche- an Hand der Stadtkarte und nach Besichtigung an Ort und Stelle die Plätze für 24 Panzersperren in der Stadt fest. Der von dem Feldwebel aufgestellte plan von dem Kreisleiter ohne weiteres genehmigt und von ihm dem Volkssturm zur schleunigen Ausführung übergeben. Die erste Arbeit des Volkssturms bestand in dem Fällen der benötigten Bäume.

 

Inzwischen hatte der Oberbürgermeister, der in dieser Angelegenheit weder vom Gauleiter noch vom Kreisleiter befragt oder gehört war, von sich aus selbständig in dies eigenartige vorgehen eingegriffen. Er gebot dem unkontrollierten Abhauen von Bäumen Einhalt und gab bestimmten Baumreihen oder Einzelbäumen auf Straßen, Plätzen und Friedhöfen zum Fällen frei. Dann aber ließ er die von dem sich allmächtig denkende Feldwebel ausgewählten Plätze der Panzersperren daraufhin untersuchen, ob sie nach Umgebung und Untergrund für die Anlage von Panzersperren überhaupt geeignet waren. Es lagen offenbare Fehler vor. So war eine Panzersperre neben dem Lazarett geplant. Und noch jetzt sieht man mit erstaunen, das eine Panzersperre an dem Nienburgertorturm, einem altehrwürdigen Bauwerk, eine andere an dem neuen chemischen Laboratorium der deutschen Solvay-Werke, einem wertvollem modernen Gebäude mit unersetzlichem Instrumentarium, angelegt worden war. Hatte denn der Feldwebel nicht daran gedacht, das eine Granate oder eine Fliegerbombe, welche die Sperre treffen sollte, leicht auch die anliegenden Baulichkeiten niedergerissen hätte? Und unter dem für die Panzersperren aufzureißendem Pflaster lagen doch Röhren und Kabel für Wasser, Gas und Strom, auf die Rücksicht zu nehmen war. Der gesunde Bürgersinn führte manchen Volksturmmann, der die Arbeit ausführen sollte, zum Stadtbauamt, um sich Rat zu holen. Da die Fertigstellung der Panzersperren dem Gauleiter zu langsam voranging, befahl dieser nochmals, soweit wir feststellen konnten, am 10. April, das angesichts des schleunigen Vorrückens der Angloamerikaner die Sperren bis zum 15. vollendet sein müssten.

 

Die Sperren sind, wie wir sehen werden, nicht zu ihrer beabsichtigten Verwendung gekommen, so dass wir an ihnen selbst nicht erkennen konnten, ob sie im Stande gewesen wären, „äußersten Widerstand“ zu leisten, oder ob sie nutzlos zusammenbrechen mussten. Nach dem Urteil sachverständiger war letzteres anzunehmen. Das Vertrauen der Bernburger Bevölkerung auf dies zu ihrem Schutz aufgebaute Verteidigungsmittel war im übrigen äußerst gering, das bereits vor dem kritischen Tage, dem 16. April, einzelne Personen, insbesondere Frauen, die Sperren als nach ihrer Meinung völlig nutzlos, abzubauen begannen. Das die Panzersperren nach dem 16. April sofort verschwanden, ist wohl der Verlockung der als Brennholz trefflich verwendbaren Baumstämme, sowie dem Umstande zu zuschreiben, das es nach dem Einrücken der Amerikaner am 16. April keinen Kreisleiter und keinen Volkssturm, aber auch, zunächst wenigstens, keine Bernburger Polizeimannschaften gab.

 

Erdlöcher, Pflasterlücken und Steinhaufen kündeten noch 10 Wochen nach dem 16. April von dem Standort der Panzersperren; unzählige Baumstümpfe aber werden noch lange Jahre die Erinnerung an diese völlig nutzlose Verteidigungsmittel vom April 1945 wach halten, wenn nicht etwa in kürzerer Frist, wegen Mangels an Brennmaterial, auch diese hässlichen Stümpfe abgehauen sein werden.

 

Auf Einzelheiten der Vorgänge, die sich am 15. und 16. April an den Sperren abgespielt haben, werden wir noch weiter unten zum sprechen kommen. Zunächst verfolgen wir in zeitlicher Folge die Bernburger Ereignisse vom 11. bis 16. April.

 

Lesen Sie morgen: Der Bombengroßangriff amerikanischer Flieger auf Bernburg am 11. April 1945



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