Do

13

Apr

2017

Die Angst vor totaler Zerstörung Bernburgs, der Verlauf des 13., 14., 15. April

Lesen Sie hier die Ereignisse der letzten Kriegstage der Stadt Bernburg, von Panzersperren und Brückensprengungen, dem Bombengroßangriff am 11. April der Kapitulation und Übergabeverhandlungen am 16. April an die Amerikaner (von Dr. jur. Ernst Eilsberger)


Der 13., 14. und 15. April waren höchst unruhvolle Tage und Nächte für die Einwohner Bernburgs, die sich zunächst im Luftschutzraum oder in dessen unmittelbarer Nähe ufhielten. Kleinalarm, Fliegeralarm, Feindalarm, Panzeralarm lösten einander in bunter Folge ab, bis am 15. dauernder Panzeralarm die ständige unmittelbare Nähe der feindlichen Panzer ankündigte. Wilde, unkontrollierbare Gerüchte über herannahende Gegner durchschwirrten die Stadt. Jetzt sollten amerikanische Panzer in Güsten, Rathmannsdorf, Neugattersleben, Hohenerxleben, Staßfurt stehen, jetzt sollten sie bis Peißen, jetzt bis zum Bernburger Flugplatz, jetzt sogar bis nach Waldau vorgedrungen sein. Dazu war Geschützfeuer von allen Seiten, allerdings noch aus weiterer Ferne, zu hören. Was die Unruhe und Sorge aber noch besonders erhöhte, war das Durchfahren unzähliger Lastwagen mit deutschem Militär, das erschöpft und matt sich auf den Wagen drängte und deutlich Spuren der Auflösung zeigte.

 

Lastenfähre bei Großwirschleben versenkt

 

Die Wagen kamen zum größten Teil aus dem Harzraum Nordhausen - Halberstadt, einige auch von Halle her. Die Mehrzahl hatte die 8 km südlich von Bernburg gelegene Lastenfähre bei Großwirschleben zum Saaleübergang genutzt. Wiederholt war dabei die Fähre von amerikanischen Fliegern beschäftigt auf zum Stilllegen gezwungen, aber immer wieder in Stadt gesetzt worden, um die inzwischen angestauten Wagen- und Truppenmengen überzusetzen. In der Nacht vom 13. zum 14. April kam die Fähre zu endgültigem erliegen. Sie wurde vom deutschen Militär wegen des Nachdrängens gegnerischer Panzertruppen versenkt. Doch hieß es auch, sie sei infolge zu starker Belastung, wie der Ausdruck im Fährbetrieb lautete, „abgesoffen“. –

 

Behelfsfähre nördlich von Gröna

 

Als am Morgen des 14. Oberst Hollunder mit seiner noch straff zusammengehaltenen Kampftruppe, Brigade Hollunder genannt, an die Saale gelangte und keine Fähre mehr vorfand, schickte er seinen Adjutanten zu den Bernburger Tiefbauunternehmer Gustav Schulz und ließ ihn um schleunigste Herstellung einer Behelfsfähre gleich nördlich Gröna, an einer besonderen schmalen Stelle der Saale ersuchen. Schulz brachte im Verlauf weniger Stunden unter Verwendung eines 45 Tonnen - Saalebootes die Behelfsfähre fertig, so das bereits mittags die Kampftruppe Hollunder mit ihren 30 zum Teil sehr schweren Lastwagen und etwa 300 Mann Infanterie übergesetzt werden konnte. Hinter ihr folgten am Nachmittag, in der Nacht und während der folgenden Tage und Nächte bis zum 17 April in dichtem Gedränge noch zahlreiche andere Lastautos und Infanterietruppen, die glücklich waren, bei ihrem Zurückweichen aus dem Harzraum noch einen Übergang über die Saale zu finden.

 

Bei all solcher Unruhe des Augenblicks lastete auf der gesamten Einwohnerschaft Bernburgs die niederdrückende Sorge, das tägliche, ja stündlich die Stadt von den Amerikaner durch Artilleriebeschuss oder durch Bombenabwurf zerstört und überrannt werden konnte, wie es ja ähnlich zahlreichen anderen deutschen Städten im Westen des Reiches ergangen war. Das Panzersperren und Brückensprengungen, sowie die schwachen Infanterietruppen und der waffenlose Volkssturm nichts dagegen würden ausrichten können, war die allgemeine Überzeugung. Zahlreiche Familien, insbesondere solche mit Kindern, zogen deshalb unter Mitnahme des notwendigsten Hausrates in die großen Bunker der Stadt oder in einen nahen Busch oder Steinbruch oder in ein benachbartes Dorf. Manche haben bis zu 8 Tagen und Nächten außerhalb ihrer Wohnung zugebracht, um der Zerstörung und Vernichtung zu entgehen.

 

Angst vor totaler Zerstörung und Vernichtung Bernburgs

 

Das solche Befürchtung und Sorge wohl begründet war, beweist ein Ereignis vom 15. April, das durch den Oberbürgermeister selbst festgestellt wurde. Danach sollten am Nachmittag des 15. April durch ein amerikanisches Rote Kreuz-Auto etwa 20 holländische Arbeiter, die in Bernburg beschäftigt waren, nach dem Bernburger Flugplatz hingebracht werden mit dem ausgesprochenen Zweck, sie vor der für den folgenden Tag, den 16. April, geplanten Beschießungen und Zerstörung der Stadt zu bewahren. Die holländischen Arbeiter hatten sich Tags zuvor hier in Bernburg ordnungsgemäß abgemeldet. Wegen der am 12. und 13. ausgeführten Brückensprengungen hatten sie sich in der Nähe der zerstörten Eisenbahnbrücke am rechten Saalufer versammeln müssen, waren von hier auf bereitgehaltenen Booten nach dem anderen Ufer übergesetzt und in dem amerikanischen Auto nach den Flugplatz befördert.

 

Die Bewahrung der Stadt Bernburg vor der Zerstörung

 

In den der Brückensprengung folgenden Tagen fand der Verfasser die Gelegenheit, sich an Verhandlungen und Geschehnisse zu beteiligen, die schließlich dazu führten, daß Stadt Bernburg, deren Inbesitznahme durch den Gegner unvermeidlich geworden war, wenigstens vor der Verwüstung und Zerstörung bewahrt geblieben ist.

 

In den Meldungen des Rundfunks war ein Nachtrag zum Wehrmachtsbericht des 12. April zu hören. Dieser enthielt eine Anordnung, als deren Unterzeichner genannt waren: der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Generalfeldmarschall Keitel, der SS-Reichsführer Himmler und der Leiter der Parteikanzlei Bormann.

 

„Alle Städte, die durchweg zugleich wichtige Verkehrsknotenpunkte darstellen, müssen bei feindlichem Angriff bis zum äußersten Verteidigt und unter allen Umständen gehalten werden. Der für jede Stadt ernannte Kampfkommandant haftet mit seinem Kopfe dafür. Aber auch Militärpersonen und zivile Amtspersonen, die den Kampfkommandanten von seiner Pflicht abzuhalten versuchen, werden zum Tode verurteilt.“ Ausnahmen von dieser Anordnung bestimmt das Oberkommando der Wehrmacht.

 

Verkehrsknotenpunkte müssen bis zum äußersten Verteidigt werden

 

Zeitungen erschienen seit dem 12. in Bernburg nicht mehr. Erst drei Wochen später war im „Anhalter Kurier“ der Befehl zu lesen. "OPW-Bericht vom 12. April 1945. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt ferner bekannt: Städte liegen an wichtigen Verkehrsknotenpunkten, sie müssen daher bis zum äußersten Verteidigt und gehalten werden, ohne Rücksicht auf Versrechen oder Drohungen, die durch Parlamentäre und feindliche Rundfunksendungen überbracht werden. Für die Befolgung dieses Befehls sind die in jeder Stadt ernannten Kampfkommandanten persönlich verantwortlich. Handeln sie dieser soldatischen Pflicht und Aufgabe zuwider, werden sie, wie alle zivilen Amtspersonen, die den Kampfkommandanten von dieser Pflicht abspenstig zu machen suchen, oder gar ihn bei der Erfüllung seiner Aufgabe behindern, zum Tode verurteilt.

 

Ausnahme von der Verteidigung von Städten bestimmt ausschließlich das Oberkommando der Wehrmacht. Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht: gez. Keitel, der Reichsführer der SS: gez. Himmler, der Leiter der Parteikanzlei: gez. Bormann.“

 

Am 15. April war Bernburg von allen Seiten eingeschlossen

 

Der Befehl hat viel Männer, und gerade die Besten in den erzwungenen Freitod – hier ist auch das Wort „Selbstmord am Platze – getrieben und vielen Städten im Reich völlig unnütze Verwüstung und Zerstörung gebracht. Die Gegner waren inzwischen von Westen immer näher aufrückt und am 14. mit seinen Panzerspitzen bereits in die Linie Rathmannsdorf – Neugattersleben - Hohenerxleben vorgestoßen. Am 15. konnte man feststellen, das die Stadt Bernburg von allen Seiten eingeschlossen war. Ein grade eintreffender Bote brachte die Meldung, das amerikanische Panzer bereits auf dem Flugplatz der Junkers-Werke bei Neugattersleben ständen. von anderer Seite kam die Nachricht, das Waldau besetzt sei und das die Amerikaner auf Peißen zu vorrückten. Ein Gang am Nachmittag durch die Straßen der Stadt zeigte mir, das die Straßensperren fast durchweg fertig gestellt, aber noch offen waren, und das nur bei einigen wenigen noch Volkssturm Leute arbeiteten. Von Truppen und Waffen konnte ich so gut wie nichts bemerken nur auf dem alten Gottesacker und dem hohen Saaleufer fand ich einzelne Uniformierte, zumeist von der H.J., in Schützenlöcher sitzen, mit einem Gewehr in der Hand, das auf die Saale und die zerstörten Brücken gerichtet war, als ob der Gegner über die Reste der zerstörten Brücken oder auf Pontons die Saale überschreiten wollte.

 

Lagebesprechung am 15. April in der Kreisleitung

 

Am 15. April ließ der neue Kampfkommandant durch Oberstleutnant Schnitter den Oberbürgermeister Eggert telefonisch zu einer grundlegenden Lagebesprechung nach der Kreisleitung zu Mittag 12 Uhr bitten. Es waren anwesend außer Oberst Hollunder und Oberstleutnant Schnitter der Kreisleiter Himmerich und verschiedene Mitglieder seines Kreisstabe (Litte, Knabe, Schulz, Ziems, Kühne, Dittmann und der Bannführer Wentzlau). Oberst Hollunder stellte sich als Kampfkommandant vor, schilderte die Lage und bat um vertrauensvolle Zusammenarbeit. Der Oberbürgermeister richtete an den Kampfkommandanten die Bitte, das alle Maßnahmen vermieden würden, welche die Stadt gefährdeten. Als Beispiel einer durchaus falschen und für die Stadt sehr schädlichen Anordnung bezeichnete er die Brückensprengung.

 

Dabei fiel ihm der Kreisleiter sofort mit Widerspruch ins Wort, indem er behauptete, daß die Sprengung nötig gewesen sei. Es entstand ein scharfer Wortwechsel, in dessen Verlauf der Oberbürgermeister die Brückensprengung als „Verbrechen“ und die Durchführung als „Beweis völliger Unfähigkeit“ bezeichnete. Er lehnte es ab, sich mit dem Kreisleiter zu unterhalten, der durch die anderweitige Unterbringung seiner Familie usw. feige und unehrenhaft gehandelt habe. Nach diesen scharfen Zusammenstoß klärte der Oberbürgermeister den neuen Kampfkommandanten über die schweren Differenzen zwischen ihm und den Kreisleiter auf und betonte die Unmöglichkeit jeder Zusammenarbeit seinerseits mit dem Kreisleiter. Dagegen sei er selbstverständlich zum Wohle der Stadt und der Einwohnerschaft zu vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Oberst Hollunder bereit, den er im Namen der Stadt begrüße.

 

Er bat gleichzeitig um Beseitigung einiger Panzersperren, die, entgegen den Bestimmungen, in der Nähe von Lazaretten und einem Hilfskrankenhaus vom Kreisleiter angeordnet seien. Außerdem bat er um Rücksichtnahme auf die Lazarette und die Einwohnerschaft bei der leider nun mal angeordneten Verteidigung, die ihm erfolglos und nur schädlich erschiene. Oberst Hollunder sagte Prüfung und Berücksichtigung zu. Dementsprechend wurde dann auch die Sperre am Kurhaus-Lazarett unbesetzt gelassen.

 

Ich rufe den Oberbürgermeister an, und wir einigen uns auf meinen Besuch um 8 ½ Uhr. Zu genannter Zeit bin ich in Begleitung meines Sohnes bei ihm im Rathaus. Er bestätigt mir, das im Südosten der Stadt an der Halleschen Chaussee bei den Fabriken von Sommer und Weigel gekämpft wird. Der neue Kampfkommandant sehe indes die Schießerei noch nicht als ernst an und verfolge die Plänkeleien vorläufig noch von seinem Befehlsstand im Hause der Kreisleitung.

 

Und morgen lesen Sie, das Schulwesen zwischen Fliegeralarm und Luftschutzbunker



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