Leipzig / Halle (Saale), Die Zufriedenheit der Unternehmen mit den regionalen Standortfaktoren in den größeren Städten Mitteldeutschlands hat in den vergangenen Jahren spürbar nachgelassen. Das zeigt die aktuelle gemeinsame Standortumfrage der Handwerkskammern sowie der Industrie- und Handelskammern aus Leipzig und Halle (Saale), die insgesamt rund 147.000 Unternehmen in der Region vertreten.
Gegenüber der Vorumfrage im Jahr 2019 bewerten viele Betriebe ihre Standortbedingungen deutlich kritischer. Besonders stark gesunken sind die Zufriedenheitswerte bei den Strom- und Gaspreisen, bei Gebühren und Steuern, bei Genehmigungsverfahren sowie bei der Verfügbarkeit von Fachkräften. Die durchschnittliche Gesamtbewertung der 26 untersuchten Städte im Raum Leipzig-Halle verschlechterte sich nach Schulnoten von 2,7 auf 2,9.
Unabhängig von regionalen Einflüssen haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen insgesamt verschlechtert. Damit gerät die Wettbewerbsfähigkeit der ansässigen Unternehmen zunehmend unter Druck. An der grundsätzlichen Bedeutung einzelner Standortfaktoren hat sich hingegen wenig geändert. „Weiterhin hohe Relevanz haben Breitbandanbindung und Mobilfunkverfügbarkeit, Strompreise und Versorgungssicherheit, Gewerbesteuer, Verkehrsanbindung sowie allgemeine Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit“, erklärt Forßbohm. Für mehr als zwei Drittel der Unternehmen sind diese Faktoren von zentraler Bedeutung. Die Analyse stellt zudem die wahrgenommene Relevanz den Zufriedenheitswerten gegenüber und zeigt damit konkrete Stärken und Schwächen der einzelnen Standorte auf.
„Ein entscheidender Grund für das Sinken der Zufriedenheit dürfte in der Verschlechterung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen der vergangenen fünf Jahre liegen, die mit einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und einer großen Verunsicherung in der Unternehmerschaft einherging“, bewertet Sascha Gläßer, Präsident der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau, die Ergebnisse.
Vor fünf Jahren waren die Unternehmen noch mit 31 Standortfaktoren „eher zufrieden“ und mit 16 „eher unzufrieden“. Heute hat sich dieses Verhältnis deutlich umgekehrt: Im Durchschnitt sind die mitteldeutschen Unternehmen mit 29 Faktoren „eher unzufrieden“ und nur noch mit 17 „eher zufrieden“.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei der Verfügbarkeit von Fach- und Arbeitskräften. Sowohl die „Verfügbarkeit von Facharbeitern/Meistern“ als auch die „Verfügbarkeit von Arbeitskräften ohne Ausbildung“ werden inzwischen im Durchschnitt mit „eher unzufrieden“ bewertet. Thomas Keindorf, Präsident der Handwerkskammer Halle (Saale), verweist neben der demografischen Entwicklung auch auf strukturelle Fehlanreize im Steuer- und Sozialsystem. Arbeit müsse sich stärker lohnen als Nichtarbeit, und berufliche Ausbildung müsse finanziell attraktiver werden. Gleichzeitig könne durch konsequenten Bürokratieabbau Personal aus dem öffentlichen Sektor in der wertschöpfenden Wirtschaft eingesetzt werden.
Ein weiteres zentrales Thema sind die gestiegenen Standortkosten. „Ob Grundsteuer, Energiepreise oder Gebühren – überall gibt es deutliche Steigerungen in den letzten Jahren“, betont Kristian Kirpal, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig. Zwar hätten externe Ereignisse wie die Corona-Pandemie oder der Ukraine-Krieg zusätzliche Belastungen verursacht. Dennoch seien viele Kostensteigerungen auf strukturelle wirtschaftspolitische Versäumnisse zurückzuführen.
Aktuell bewerten nur noch 42 Prozent der Unternehmen ihren Standort mit „gut“ oder „sehr gut“ – zehn Prozentpunkte weniger als 2019. Die Bewertung „befriedigend“ stieg hingegen von 29 auf 36 Prozent. Einziger Standortfaktor mit der Bewertung „sehr zufrieden“ bleibt weiterhin die Versorgungssicherheit mit Strom.
Die Kammern sehen dringenden politischen Handlungsbedarf. Angesichts internationaler Zollkonflikte und anhaltender konjunktureller Schwäche gebe es keine Schonfrist für Reformen. Vorrangig seien eine spürbare Senkung der Energiepreise, eine Begrenzung kommunaler Steuern und Abgaben, wirksame Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel sowie ein konsequenter Bürokratieabbau. Digitale Verwaltungsangebote, schnellere Genehmigungsverfahren sowie Verbesserungen bei innerstädtischem Verkehr, Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit könnten die Standortzufriedenheit unmittelbar erhöhen.
„Die Ergebnisse unserer Langzeiterhebung sprechen eine deutliche Sprache: Der wirtschaftliche Puls schwächt sich weiter ab. Wirtschaft muss auf allen politischen Ebenen wieder Priorität haben. Andernfalls zahlen wir den Preis für politisches Zögern – gesellschaftlich wie wirtschaftlich“, so die Präsidenten abschließend.
Hintergrund:
An der aktuellen Standortumfrage beteiligten sich Unternehmen aus 26 größeren Kommunen der Metropolregion Halle-Leipzig. Bewertet wurden insgesamt 46 Standortfaktoren, von denen jeweils nur diejenigen in die Zufriedenheitsbewertung einflossen, die für das jeweilige Unternehmen geschäftlich relevant sind. Die Ergebnisse erlauben sowohl einen Vergleich zur Vorumfrage 2019 als auch eine differenzierte Analyse regionaler Stärken und Schwächen.
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