Die Entzauberung des „Toilettentabus“

Weltweit gab es noch nie eine umfangreichere Kunstausstellung über die mobile Toilette: Andreas Slominski „DAS Ü DES TÜRHÜTERS“ (Installationsansicht), Deichtorhalle Hamburg, 2016. Die Werke wurden hergestellt von „Global Fliegenschmidt“, Coswig (Anhalt).


Coswiger Unternehmen Global Fliegenschmidt beschäftigt sich mit den vielen Facetten des „Geschäftes“

 

Heute ist Welttoilettentag: Was zunächst für viele lustig klingen mag, hat einen ernsten Hintergrund. Mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung verfügen nicht über ausreichend hygienische Sanitäranlagen. Das führt in vielen Ländern zu ernsten hygienischen und gesundheitlichen Problemen. 2013 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 19. November zum Welttoilettentag, um die sanitären Einrichtungen zu verbessern. Für Peter Fliegenschmidt sind sanitäre Anlagen, deren Benutzung, die Hygiene und die kulturellen Unterschiede nicht nur heute wichtige Themen. Als Geschäftsführer von „Global Fliegenschmidt“ beschäftigt er sich jeden Tag damit. Das Unternehmen stellt in Coswig (Anhalt) mobile Toilettenhäuschen her, die es weltweit an Vermieter verkauft. Und: Von hier aus wird das Toilettenthema aus vielen Perspektiven in die Öffentlichkeit gerückt.

 

Wer die sauberen Toiletten bei sich zu Hause, auf der Arbeit oder in einem Restaurant besucht, wird vermutlich nicht gleich ein Bild von katastrophalen sanitären Zuständen im Kopf haben. Aber laut World Toilet Organisation (WTO) leben Milliarden Menschen auf der Welt ohne ausreichende sanitäre Grundversorgung. Viele sind gezwungen, ihr Geschäft im Freien zu verrichten. Ohne Hygiene wird das stille Örtchen zum gefährlichen Krankheitsherd: Laut WTO sterben weltweit mehr Kinder an Durchfall, der oft auf schlechte sanitäre Anlagen zurückzuführen ist, als an HIV, Malaria und Masern zusammen. Dazu kommen weitere Probleme wie die Gleichberechtigung: Mädchen verlassen in vielen Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas Schulen früher oder fehlen Monat für Monat mehrere Tage, wenn sie ihre Periode bekommen – weil es vor Ort keine sauberen oder sicheren Toiletten gibt.

 

In Deutschland ist eher die Nutzung der Toiletten ein Problem. Aber kaum jemand spricht darüber. Peter Fliegenschmidt tut es: „Medizinische Gutachten belegen beispielsweise, dass unsere Sitzposition Hämorrhoiden, Darmkrankheiten und Verstopfungen begünstigt. Wir müssten Gewohnheiten verändern. Aber der Toilettengang ist bei uns immer noch ein Tabu.“

 

Für den Coswiger Unternehmer dagegen ist der Toilettengang ein Geschäft mit vielen Facetten – zu denen auch gehört, dass sein Unternehmen eine „Multi-Toilette“ im Portfolio hat. Der „Toilettenzwitter“ vereint die europäische und orientalische Variante – und kann damit im Sitzen und Hocken benutzt werden. Auch für Flüchtlinge, die hier leben und arbeiten, ist das ein wichtiger Faktor, weiß Fliegenschmidt.

 

Für den Geschäftsführer ist dieses Produkt, das viel in den Medien gezeigt worden ist, nur ein weiterer Schritt auf dem Weg, die Themen Toilette und Hygiene in die Öffentlichkeit zu bringen. Peter Fliegenschmidt ist viel unterwegs, sein Unternehmen hat Kunden auf fünf Kontinenten, er arbeitet in Kooperationen mit einigen Forschungsinstituten. Der Geschäftsmann aus Coswig bringt Ideen und jahrelange wirtschaftliche Erfahrungen in die Hochschulen. Und die Forscher und Studenten die theoretischen Grundlagen und Feldforschungen, die neuen Ideen und designten Modelle. Für das „Multi-Modell“ beispielsweise arbeitete er mit dem Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz an der Technischen Universität Hamburg-Harburg zusammen. Dort forscht man seit Jahren an der Entwicklung von Toiletten, die mit wenig oder komplett ohne Spülwasser auskommen. Das Sitz-Hock-Modell war als feste Installation gedacht. In Coswig ist es für den mobilen Einsatz angepasst worden.

 

Peter Fliegenschmidt widmet sich in Coswig seit der Unternehmensgründung im Jahr 1982 nicht nur dem Bau und dem Einsatz mobiler Toiletten, sondern auch den kulturellen, gesellschaftlichen und medizinischen Hintergründen. Am Anfang steht in der „Global“-Produktionshalle eine Rotationsmaschine, mit der Tanks und Urinale hergestellt werden. Seit 2006 sind Tiefziehmaschinen im Einsatz, die Dächer und Seitenteile für die Toilettenkabinen je nach Auftrag produzieren. Neben den klassischen Toilettenkabinen kommen aus der eigenen Schlosserei auch Entsorgungseinheiten. Wenn ein Kunde eine Sonderausführung im Tankbau benötigt, ist das kein Problem für Geschäftsführer Fliegenschmidt und seine 40 Mitarbeiter. Für den Fahrzeugbau gibt es eine extra gebaute Halle mit Kran und Arbeitsgrube. Auch Sanitärprodukte für die mobilen Toilettenkabinen kommen aus Coswig: Für Duftöle, Handwaschlotionen und Sanitärkonzentrate werden im Mischlabor Rezepturen für neue Duftrichtungen ausprobiert und umgesetzt. Seine Produkte präsentiert das sachsen-anhaltische Unternehmen auf Messen, wie der jährlichen „Eurotoi“, die wichtigste Messe für mobile Sanitärsysteme in Europa, die es auch mit organisiert.

 

Peter Fliegenschmidt weiß, dass sein Unternehmen nicht das einzige ist, das sich mit dem Thema beschäftigt und schätzt das. Er beobachtet den Markt und neue Ansätze. Ein Beispiel dafür ist die transportable, Urin-separierende Trockentoilette „Mosan“, die besonders in Entwicklungsländern eingesetzt werden könnte. Die Magdeburger Designerin Mona Mijthab hatte mit dem Projekt 2013 gemeinsam mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit den ersten Platz beim BESTFORM-Landeswettbewerb in Sachsen-Anhalt belegt und erhält seitdem viele weitere Preise dafür. Den Schwung solcher Ideen und die Entzauberung des „Toiletten-Tabus“ möchte Peter Fliegenschmidt nutzen, um Netzwerke zu schaffen und Aspekte zu bündeln, die noch nie ganzheitlich erfasst worden sind, wie Recycling-Ansätze oder medizinische Betrachtungen. Er könnte sich gut vorstellen, sagt er, „in Sachsen-Anhalt mal viele Fachleute zusammenzutrommeln“, um gemeinsam zu beleuchten, was wichtig, möglich, wirtschaftlich, nachhaltig ist.

 

Und eine weitere Idee geistert Peter Fliegenschmidt im Kopf herum. Der Geschäftsmann möchte demnächst weitere Lösungen „made in Sachsen-Anhalt“ anbieten – und Flöße herstellen. Neben dem Material gibt es eine weitere Parallele zu den Toiletten: die Mobilität. Der Geschäftsführer sagt: „Die Zeit ist reif dafür, dass man sein Wochenendhäuschen auf ein Floß setzen und auf den Seen unterwegs sein kann.“ Die ersten Prototypen sind im Einsatz. Und was braucht man auch hierbei? Eine Toilettenlösung! Genau die gibt es nämlich nicht bei ähnlichen Floß-Überlegungen. Gemeinsam mit der Hochschule Anhalt arbeitet das Coswiger Unternehmen derzeit an einer Lösung, bei der die Flüssigkeit verdunstet wird. „Es ist vieles möglich, man muss nur offen darüber reden“, sagt Fliegenschmidt. „Toilette und Tabu, das passt einfach nicht zusammen.“

 

Autorin: Manuela Bock, Foto: Andreas Slominski

 

Besuchen Sie uns im Internet unter: www.global-fliegenschmidt.de oder www.flosshaus.de



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